Ronny Borchers: „Ein Job als Manager würde mich reizen"

von Andreas Hunzinger


Am Gründonnerstag war Ronny Borchers mal wieder im Stadion. Es ist nicht so, dass der 56 Jahre alte, ehemalige Nationalspieler selten auf einem Fußballplatz anzutreffen wäre. Nur zu „seiner“ Eintracht, für die er in seiner aktiven Zeit 169 und damit den Löwenanteil seiner insgesamt 213 Bundesligaspiele absolvierte, schafft er es nicht sonderlich häufig. Dazu ist Borchers immer noch zu eingespannt. Ein Glücksbringer ist er an diesem Abend nicht. Frankfurt verliert das Heimspiel gegen Hannover 96.

Rund um das Spiel trifft er viele ehemalige Weggefährten, Freunde und Kollegen. Es wird gefachsimpelt. Der einstige Bundesligastürmer kann immer noch mitreden. Als Trainer des Hessenligisten FSV Fernwald steht er weiterhin regelmäßig auf dem Platz. Nur die Prioritäten haben sich verschoben. Heute ist der Fußball für ihn mehr Hobby als Beruf. Borchers betreibt eine Werbeagentur in Heusenstamm und verdient damit sein Geld. Das Engagement in Fernwald steht ohnehin auf wackeligen Beinen. Am 24. Mai könnte es schon vorbei sein. Nach dem letzten Spieltag der Saison plant der Klub sein Team aus Hessens höchster Spielklasse zurückziehen. Sollte das passieren, wird auch Borchers aufhören.

Aber nur in Fernwald. Das Ende seiner Laufbahn als sportlich Verantwortlicher bei einem Klub würde es noch nicht bedeuten. Dafür ist Borchers auch 21 Jahre nach dem Ende seiner aktiven Karriere noch viel zu viel Fußballer. Nach wie vor kickt er in der Traditionsmannschaft von Eintracht Frankfurt, „wenn es von der Zeit passt“. Weil es ihm Freude macht und weil es ihm gut tut. Mit seinem körperlichen Zustand ist er zufrieden. Das Kampfgewicht stimmt auch noch. „Als Profi hatte ich bei 1,85 Meter Größe 82 Kilo“, erzählt er. Mittlerweile, als Mittfünfziger, seien es zwei, drei Kilo mehr. Noch immer wirkt Borchers athletisch, wenn auch die mächtigen, muskelbepackten Oberschenkel aus seiner Profizeit etwas dünner geworden sind. Borchers achtet auf seinen Körper, lässt sich regelmäßig pflegen und behandeln. „Wenn ich das nicht machen würde, könnte ich nicht mehr spielen“, stellt er klar. Ein wenig abträglich ist seinem Zustand, wenn er als Funktionär im Fußball aktiv ist. „Immer wenn ich kein Trainer bin, bin ich am fittesten, weil ich dann regelmäßig spiele und trainiere. Wenn ich Trainer bin, schlägt sich das gleich in einem bis zwei Kilo mehr nieder“, sagt er schmunzelnd. Borchers nimmt das allerdings leichten Herzens in Kauf. Und er will auch nach seiner Zeit in Fernwald bei einem Klub arbeiten. Der nächste Job könnte der des Managers oder Sportlichen Leiters sein. „Vor dieser Saison war ich mal dran, aber es hat dann nicht geklappt. Ich kann mir das gut vorstellen.“ Ein Trainerjob muss es nicht mehr sein, schließlich war Borchers seit seinem Karriereende als aktiver Profi zwei Jahrzehnte Coach. Bernbach, Kickers Offenbach, FSV Frankfurt, Germania Ober-Roden, Viktoria Aschaffenburg, TGM SV Jügesheim, Wormatia Worms und nun Fernwald: In der Region ist Borchers rumgekommen.

Nur einen Profiverein, den hat er nie trainiert. Die Regionalliga war das höchste der Gefühle. Dabei hatte er einst vor, die DFB-Fußballlehrer-Lizenz zu erwerben. „Anfang der 90er, in meiner Zeit in Bernbach, habe ich mich zweimal zum Lehrgang angemeldet und habe zweimal wieder abgesagt“, verrät er. „Damals war das ein Fehler, da hatte ich noch mehr Zeit.“ Und trotzdem hat er es nie bedauert, kein Bundesliga-Trainer geworden zu sein. „Irgendwann musst du dich entscheiden, ob du das hauptberuflich machen möchtest.“ Er entschied sich dagegen. „Die Abhängigkeit von Ergebnissen ist mehr als extrem, wenn man einen stabilen Alltag haben will“, betont er, „ich weiß ja auch nicht, was geworden wäre.“ Stabilität und Kontinuität sind wichtige Faktoren für den im Frankfurter Nordwesten geborenen und aufgewachsenen Borchers.

Den Fußballer Borchers sehen manche im Rückblick anders. Als junger Eintracht-Profi besaß er durchaus so etwas wie Glamourfaktor. Hoch talentiert, mit spektakulärer Spielweise, wehender Mähne, Drei-Tage-Bart: Der Boulevard war schnell bei der Hand mit Attributen wie etwa „Disco-Ronny“. Diese Beschreibung macht Borchers heute immer noch zornig. „So ein Quatsch“, entfährt es ihm. Borchers ärgert diese Art von veröffentlichter Wahrnehmung, weil sie seiner Ansicht nach ein Zerrbild erstellt und nicht der Wahrheit entspricht.
 
Eines räumt Borchers aber ein. Dass er sein Talent nicht in vollem Umfang ausgeschöpft hat. „Aber das kann man über viele Spieler sagen.“ Arminia Bielefeld, Grasshoppers Zürich, Waldhof Mannheim, FSV Frankfurt, Kickers Offenbach und SV Bernbach waren die weiteren Stationen nach seiner Frankfurter Zeit zwischen 1975 und 1984. In den Jahren bei der Eintracht lief er auch sechs Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf. Viele meinen, es hätten deutlich mehr Länderspiele sein müssen. Denn Borchers befand sich auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. 1980 hatte er mit der Eintracht den Uefa-Pokal gewonnen. Am 2. Mai 1981, beim DFB-Pokal-Finale der Eintracht in Stuttgart gegen den 1. FC Kaiserslautern, machte Borchers beim 3:1-Sieg – dem dritten Pokalsieg in der Eintracht-Historie - vielleicht das beste Spiel seiner Karriere. Das Tor zum 2:0 erzielte er selbst, das 3:0 von Bum-kun Cha bereitete er vor. „Ich wusste damals: Das war ein außergewöhnliches Spiel“, erinnert sich Borchers. „Von mir, aber auch von der ganzen Mannschaft. Wir hatten einfach tolle Spieler wie Bernd Hölzenbein, Bruno Pezzey, Bum-kun Cha, Bernd Nickel oder Willi Neuberger.“ Aber eben auch Ronny Borchers. Der Hamburger SV, damals mit dem FC Bayern die erste Adresse im deutschen Fußball, wollte ihn holen. „Für 1,8 Millionen Mark, das wäre der Rekordtransfer für die Eintracht gewesen“, erinnert sich Borchers. „Der damalige HSV-Manager Günter Netzer hat schon bei mir zu Hause gesessen.“ Borchers sagte jedoch ab, und nach einem Knorpelschaden im Knie im Jahr 1983, von dem er sich nur mühsam erholte, langte es nicht mehr für die ganz große Karriere.

Trotzdem bedauert Borchers nichts. Dem Hype des modernen Fußballs begegnet er mit einer gewissen Distanz. „Insgesamt liegen zwischen dem Fußball zu meiner Zeit und dem heute Welten“, sagt er. Zwar faszinieren ihn die professionellen Bedingungen in den Klubs oder die Atmosphäre in den neuen Stadien. „Seit der WM 2006 ist das Stadion ein Kommunikationszentrum für alle“, sagt er. Profi würde er heutzutage aber nicht mehr sein wollen.  „Um Gottes Willen nein. Ich würde mit den Jungs heute nicht tauschen wollen.“ Immer unter dem Brennglas der Öffentlichkeit stehen, in Zeiten von Facebook und Foto-Handys Gefahr zu laufen, immer und überall durchleuchtet zu werden, quasi ein Leben im Schaufenster zu führen, das wäre Borchers zu viel. Zudem betrachtet er die Summen, die mittlerweile bewegt werden, mit Skepsis. „Wie soll denn ein junger Mann damit umgehen, wenn er bei einem Transfer zehn Millionen Euro aufs Konto bekommt? Wie soll der denn auf der Erde bleiben?“

Bodenständigkeit zählt viel für Ronny Borchers, auch wenn er in 70er und 80er Jahren schon gutes Geld verdient und ihm der Fußball auch Chancen eröffnet hat. „Es gibt vieles, das wichtiger ist, als Geld. Etwa Glück mit der Familie. Das habe ich.“ Borchers vermittelt den Eindruck eines Mannes, der nichts vermisst, wenn er sagt. „Ich bin zufrieden.“ Er hält noch regelmäßig Kontakt zur Eintracht, ist – wie seit Jahrzehnten bereits – immer noch Mitglied. Beständigkeit ist Ronny Borchers wichtig. Im Bezug auf die Eintracht macht er deshalb „drei Kreuze, dass Heribert Bruchhagen da ist. Er steht für Kontinuität.“ Kontinuität heißt für Borchers auch, dass er alte Kontakte pflegt. Treffen mit ehemaligen Teamkollegen oder Spielern, die früher unter ihm trainierten, bezeichnet er als eine seiner schönsten Erlebnisse. Und in noch einer Hinsicht ist Borchers konstant: „Ich habe seit vielen Jahren die gleiche Handy-Nummer.“