Klaus Topmöller: „Vereinstrainer will ich nicht mehr sein“

Von Martin Batzel

Klaus Toppmöller mit wenigen Worten zu beschreiben, ist nicht schwer: Bodenständig - und das in seiner freundlichsten Bedeutung. Volksnah und kontaktfreudig treffen auch zu; dazu fest verwurzelt in Rivenich, einem Örtchen mit 700 Einwohnern nahe der Mosel gelegen. Hier steht er mit Namen und Anschrift im Telefonbuch, meldet sich seine Frau Roswitha mit vollem Namen. In der Salmtalschänke, der örtlichen Gastwirtschaft, welche seine Eltern bewirtschafteten, wurde Toppmöller vor 62 Jahren geboren. „Hier wuchs ich auf, von hier will ich nicht mehr weg. Außer es käme ein Angebot wie damals aus Georgien.“  Am 1. Februar 2006 übernahm Toppmöller das Amt des Nationaltrainers, zwei Jahre und zwei Monate später war er es wieder los. Dazwischen lagen 26 „wunderbare“ Monate, in denen „ich der beste Freund des Staatspräsidenten war“. Aber auch das half nicht nach dem erfolglosen Abschneiden in der Qualifikation zur Europameisterschaft. Toppmöllers erste Trainerstation im Ausland war zugleich auch seine letzte. Es kehrte wieder Ruhe ein in Toppmöllers Haus auf dem 50.000 Quadratmeter großen Grundstück in Rivenich. „Dort habe ich immer gewohnt, außer 1980.“ Da spielte er ein Jahr für die Dallas Tornados. Das Pendeln in die USA war ihm zu weit, zu seinen anderen Stationen als Spieler nicht: Für die knapp acht Kilometer zum Training beim FSV Salmrohr genügten zehn Minuten. Nach Trier waren es 30 Kilometer und eine halbe Stunde Fahrtweg. Die 120 Kilometer zum Betzenberg in Kaiserslautern schaffte er, trotz Stadtverkehrs, Ampeln und Radargeräten auf den letzten Metern zum Betze, zu seinen besten Zeiten im schwarzen Sportwagen knapp unter einer Stunde. „Mein Vater war Rallyefahrer, ich kenne beim Auto nur Bremse oder Gas,“ sagte der „Trainer des Jahres 2002“ mal in einem TV-Interview. Am 30. Mai 1976 fuhr er den Ferrari Dino zu Schrott. Vom Tag des Unfalls fehlt ihm heute immer noch knapp die Hälfte der Erinnerung. 15 Stunden irrte Toppmöller damals durch die Landschaft des Hundsrück, es folgten Wochen der Rehabilitation. Deutschland spielte die EM in Jugoslawien ohne den bis heute erfolgreichsten Bundesligastürmer des 1. FC Kaiserslautern. Toppmöller lernte daraus. In den folgenden Jahren fuhr er mit dem Auto langsamer und zum Training immer früher los.  

Es sind solche Geschichten, welche die Fußball- und Trainerlaufbahn des Klaus Toppmöller prägen. Zur morgendlichen Übungseinheit beim VfL Bochum wurde er nach durchzechter Nacht im orangenen Müllauto kutschiert. Die Reinigungskräfte trafen Toppmöller kurz nach Sonnenaufgang im Café und bedankten sich mit dem Fahrdienst so für die jüngsten Erfolge. In Bochum wohnte er erst in einem Haus, zog aber schnell aus und in ein Hotel. Ihn störte die Stille im Gebäude, ihm fehlten die Menschen, denn seine Familie blieb in der geschützten Ruhe Rivenichs. Bei den abendlichen Essen im Bochumer Rathauskeller kam Toppmöller dann unter die Leute – „und meine Getränke zahlten sie auch“. Mit dem VfL stieg er auf und ab, erreichte den Uefa-Cup, brachte Farbe in die Stadt an der Ruhrgebiets-Verkehrsader B 1, deren Fußball-Mannschaft trotz bunter Trikots gerne als „graue Maus“ verspottet wurde. Es gibt eine Metzgerei, dort müsste Toppmöller seine Brötchen und sein Fleisch auch heute noch nicht zahlen, würde er dort noch einkaufen.

Auf fünf Jahre Bochum folgten in Toppmöllers Trainervita der Bundesligaaufstieg mit dem 1. FC Saarbrücken, dann zwei Jahre in Leverkusen mit viel Spaß, jeder Menge Taktik, aber ohne Titel. Es war die Zeit, als Bayer den Beinamen „Vize-Kusen“ erhielt. Den Titel ließ sich Bayer später sichern. Mit Leverkusen wurde Toppmöller innerhalb weniger Tage Zweiter in der Meisterschaft hinter Borussia Dortmund, verlor das Champions-League-Finale in Glasgow gegen Real Madrid 1:2 und das deutsche Pokalendspiel in Berlin gegen Schalke 2:4.  Was blieb außer einem dicken Trauma übrig vom Engagement beim Pharmaverein?  „Trauma? Ach was, Leverkusen war die sportlich beste Station meiner Trainerlaufbahn.“ Wurde es am Rhein zu viel, gönnte sich Toppmöller zur Erholung immer wieder Kurzferien im heimischen Hunsrück. Aber die Lebensqualität, welche Georgien geboten habe, sei unerreicht. Den Wein dort schätzt er heute noch. Etwa ein Drittel des Jahres lebte Toppmöller dort, den Rest in Rivenich. Dort warteten seine Freunde mit dem Kartenspiel auf das ehemalige SPD-nahe Ortsbeiratsmitglied, welches Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping zu seinen Skatbrüdern zählte. So oft „Vize“ – und da soll nichts Unvollendetes hängengeblieben sein? Toppmöller bringt ein Beispiel aus der Politik, um seine Situation zu erklären: „Nehmen Sie Edmund Stoiber, dem fehlten 6000 Stimmen gegen Gerhard Schröder im Kampf um die Kanzlerschaft. Aber es ging weiter. Ich habe meinen Frieden gemacht mit Platz zwei, im nächsten Leben werde ich mindestens einmal Meister.“

Ganz so einfach ist es mit Stoibers verpasster Kanzlerschaft nicht, die Rechnung ging eigentlich ob der Prozente der Parteien und Mehrheitsverhältnisse  anders. Aber Toppmöller ist zufrieden mit sich und seiner Laufbahn. Einzig der Skandal um den wenig unparteiischen Schiedsrichter Robert Hoyzer hängt ihm nach. Hoyzer verpfiff am 21. August 2004 die DFB-Pokalpartie von Toppmöllers Hamburger SV beim SC Paderborn. Erst flog der HSV raus, zwei Monate später Toppmöller. Kurz darauf wurde der Betrug bekannt. Es war Toppmöllers letzte Station in Verantwortung im deutschen Profifußball. Fast zehn Jahre ist das her. Heute sagt Toppmöller über seine Ziele: „Ich will normal sein wie andere auch. Eine Zigarette rauchen, ein Glas Wein trinken und Fußball schauen.“

Neben den Geschichten bleiben von Toppmöller viele seiner Sprüche in Erinnerung. In Leverkusen zog er als Nachfolger von Berti Vogts in die Trainerkabine ein, aber schon früher über seinen Vorgänger her: „Wenn ich so Fußball gespielt hätte wie Berti Vogts, so als reiner Wadenbeißer, dann hätte ich mit 18 Jahren meine Fußballschuhe verbrannt.“ Als Trainer von Eintracht Frankfurt regte er sich über den Zuspruch auf, den Bayern München erhielt: „Bayern, Bayern, Bayern. Am Mittwoch haben die Münchner wohl Englisch gelernt. Es heißt jetzt: Bye-bye, Bayern.“ Die Worte, unvergessen, nach dem siebten Spieltag 1993/94 wurden ein Bumerang. Eintracht Frankfurt hielt den Gala-Fußball nicht durch, verspielte den Startrekord von 20:2 Punkten und am Ende wurde Bayern Meister – in Frankfurt hieß es noch vor dem letzten Spieltag: Bye-bye, Toppi. Wie Uwe Reinders, Aleksandar Ristic, Peter Neururer gehörte Klaus Toppmöller, Diplom-Ingenieur für Versorgungstechnik, zu einem Trainergenre, das der Boulevardjournalismus wegen seiner Mischung aus Mitteilungsbedürfnis, Übermut und Selbstvertrauen liebte. Dagegen wirkte der freigestellte Studienrat Volker Finke auf der Trainerbank des SC Freiburg blass und fast unscheinbar.

Blickt Toppmöller zurück, sagt er über seine Zeit beim 1. FC Kaiserslautern: „Als Spieler des FCK ist man immer auch ein Enkel von Fritz Walter, Heimspiele waren stets ein emotionaler Erdrutsch.“ Am 20. Oktober 1973 lagen die Pfälzer zur Halbzeit scheinbar uneinholbar 1:3 zurück gegen die Münchner, nach Gerd Müllers 1:4 (57.) war der zuvor ausverkaufte Betze „fast halb leer“ . Lautern drehte das Spiel, siegte 7:4 und beim Schlusspfiff „waren mehr Leute‘ drinnen als beim Anpfiff. Die Spiele gegen die Bayern waren gelebter Klassenkampf. So sieht es der SPD-nahestehende Klaus Toppmöller. Das war in Zeiten, als hinter den Toren der Fußball-Bundesliga noch Weichbodenmatten der Leichtathletik-Hochspringer lagen. Zum Jubeln der Fußballer war das gut, denn der Weg bis zu den Zäunen doch recht weit.


Spieler in Kaiserslautern und den USA, Trainer von Waldhof Mannheim, Eintracht Frankfurt, Saarbrücken, Bochum, Leverkusen, Hamburger  SV und Georgien, mit 30 Jahren mit dem Rauchen begonnen  – also alles richtig gemacht? Nicht ganz, so sagt Toppmöller im Blick zurück. „Von Mannheim hätte ich nicht weggehen dürfen. Es war vielleicht der einzige Fehler, den ich gemacht habe. Für 150 000 Mark Ablöse für 14 neue Spieler hatten wir eine Wahnsinnstruppe zusammengestellt. Die hatte Zukunft.“ Aber Toppmöller hatte im Januar schon bei Frankfurt unterschrieben.

Einen Vertrag als Nationaltrainer würde er noch einmal unterschreiben, als Vereinstrainer nicht. Schon weil seine Familie ihn fordert. „Als zweifacher Großvater habe ich keine Lust mehr, jeden Tag auf dem Sportplatz zu stehen.“ Die eigenen Kinder sind groß, die Enkelkinder noch klein. Wenn er schon die Rolle des Vaters oft der Profikarriere unterordnete, die Rolle des Opas will Klaus Toppmöller ausfüllen, so gut er kann.