Thomas Zampach: „Das letzte Jahr war das schwerste in meinem Leben“

Von Sebastian Rieth

Thomas Zampach ist nicht aus der Welt. Keineswegs. Aber es hat schon ein bisschen den Anschein, als sei er auf Distanz gegangen. Zu Frankfurt, der Stadt, in der er geboren wurde und aufwuchs, die seine Heimat war und ihm bis heute am Herzen hängt. Zu verblassten Zeiten, vielen Kumpels, zu sich selbst und dem Leben, dass er jahrelang führte. Die alten Zöpfe hat Zampach abgeschnitten. Ungern, aber doch bestimmt.

Mit 44 Jahren führt der einstige Bundesligaprofi der Frankfurter Eintracht nun ein ganz anderes Leben, als er sich das ursprünglich einmal ausgemalt hatte. Zampach wohnt nicht mehr in der pulsierenden Metropole am Main, sondern ziemlich weit weg am untersten Zipfel der Republik im beschaulichen Bad Tölz. Die Alpen im Rücken, das Flussbett der Isar vor der Haustür. Es geht gemächlich zu. Einmal pro Woche, das hat er sich immerhin vorgenommen, führt es ihn trotzdem noch zurück zu seinen Wurzeln, dann setzt er sich ins Auto, düst die 450 Kilometer gen Norden, um einige hundert Mal gegen ein Ei zu treten. Aus dem Fußballer ist ein Footballer geworden. Als Kicker soll Zampach die Frankfurt Universe in die erste Liga schießen. Ein bisschen Heimat ist geblieben.

Auch wenn der Mann mit der überschaubaren Haarpracht und dem drahtigen Körper längst nicht mehr am Main wohnt, haben sie ihn dort nicht vergessen. Wie könnten sie auch. Eine halbe Stunde dauert es, dann wird Zampach in einem Café am Schweizer Platz das erste Mal angesprochen. Wie es ihm denn so gehe, fragt die junge Dame. Sie hat ihn lange nicht mehr gesehen. Die Erinnerungen an den Sohn der Stadt sind wohl deshalb so hartnäckig, weil das Erlebte einmalig war. Zampach, der Charakterkopf, der ewige Hallodri und ständige Spaßvogel. Selbst zu einer Zeit, als noch nicht jeder Fußballer aalglatt sein musste, fiel er auf. Zampach war ein verrückter Farbtupfer. Beispiele dafür gibt es zu genüge. Weil ihn viele als Stehgeiger verspotteten, kam er einmal mit Gitarrenkoffer statt Sporttasche zum Training, einen Heiratsantrag formulierte er vor Tausenden Augenzeugen bei der Aufstiegsfeier der Eintracht auf dem Römer und zum Jubel vor der Fankurve brauchte es Taucherbrille und Schnorchel. Egal, was Zampach damals anpackte, es war immer viel Leidenschaft dabei. Auf der rechten Außenbahn gab es zu seiner Zeit einige Spieler, die besser waren, denen der Umgang mit dem Ball leichter fiel, denen ein gewisses Gen in die Wiege gelegt wurde. Aber es gab keinen, der mehr kämpfte. Zampach gab sein letztes Hemd – und einmal sogar mehr. Unvergessen sein Striptease nach der Zweitliga-Meisterschaft 1998. Auch wenn er schon gefühlt millionenfach darauf angesprochen wurde, muss der Ur-Hesse auch heute noch grinsen. „Das war keine Wette, sondern eine spontane Aktion. Ich wollte den Fans einfach alles geben, was ich hatte.“

So kannte man ihn. Authentisch und direkt, den Schelm im Nacken. Doch es gibt auch den anderen Thomas Zampach. Einen Menschen, der zweifelt, der nachdenklich ist, den die eigene Welt irgendwann eingeholt hat. „Das letzte Jahr war das schwerste in meinem Leben“, erzählt er. Zampach litt an Burnout. „Mein Körper wollte nicht mehr, mit hat der Antrieb gefehlt.“ Eine harte Zeit. „Jeder kannte mich immer nur als ein Hansdampf in allen Gassen. Ich konnte nicht Nein sagen, wenn mich jemand um Hilfe bat.“ Das wurde ihm zum Verhängnis. Der Sport, den er einst so liebte und von dem er nie genug kriegen konnte, spielte nun kaum eine Rolle mehr. Als seine Mutter starb, zog sich Zampach zurück, verbrachte fast jeden Tag auf dem Sofa. Die Krankheit hatte ihn im Griff. Der Umzug nach Bad Tölz – auch der Liebe wegen – ist für ihn nun wie ein Befreiungsschlag. In der Idylle hat Zampach alles zurückgefahren, was ihn belastete, sein Leben ist auf null gestellt. Ihm geht es besser. Am Tegernsee betreut der einstige Eintracht-Star nun einige Kinder bei ihren ersten Gehversuchen auf dem Fußballplatz.

Der Sport mit dem runden Leder ist einfach sein Ding, „das ist die Schiene, auf der ich bleiben will“. Nach seiner aktiven Karriere hat der Frankfurter einiges ausprobiert, war erst Fanbeauftragter bei der Eintracht, dann Assistent von Kosta Runjaic beim SV Darmstadt 98 und später Trainer des SV Zeilsheim. Auch ein Fitnessstudio war kurzzeitig in seinem Besitz. Zampach ist froh, zu einer Zeit seine Stollenschuhe geschnürt zu haben, in denen der Fußball noch etwas puritanischer war als er es heute ist. „Wir durften damals verrückter sein“, erinnert er sich. „Wenn heute etwas passiert, wissen das in fünf Minuten schon wieder 20 Leute in Amerika. Die Spieler sind in ihrer Persönlichkeit gefangen. Ich war immer authentisch, habe mich nie verbiegen lassen. Heute will sich jeder die Kanten eines Menschen so schleifen, wie es ihm am besten gefällt.“ Einen Strip, wie er ihn hingelegt hatte, könne es nicht mehr geben. „Dafür bekommst du dann gleich acht Rote Karten. So viel kannst du nicht verdienen, wie sie dir als Strafe aufbrummen würden.“


Tugenden wie Ehrlich- und Hartnäckigkeit hat Zampach früh in seiner Kindheit gelernt. Der Frankfurter Berg war seine Heimat, keine einfache Gegend, ein Problembezirk. „Ich war es gewohnt, mich durchzusetzen, die Ellenbogen auszufahren.“ Geschenkt bekam der Mittelfeldrenner nichts. Zum Training fuhr er mit der S-Bahn, musste mehrfach umsteigen. „Ich war länger unterwegs, als ich auf dem Platz gestanden bin.“ Vor seinen beiden Ex-Klubs ziehe er gleichermaßen den Hut, die Entwicklungen, die der FSV Mainz 05 und Eintracht Frankfurt genommen haben, nötigen dem Glatzkopf Respekt ab. Er kann sich noch gut erinnern, als er seine Profikarriere Anfang der 1990er Jahre bei den Nullfünfern begann. Von dem heutigen Glanz war da noch nicht viel zu sehen, die zweite Mannschaft des Vereins kickte gar in der B-Klasse. Eigentlich unvorstellbar. Insgesamt absolvierte Zampach 159 Zweitligaspiele, kam aber auch zu 31 Einsätzen in der Bundesliga für Eintracht Frankfurt, seine große Liebe. „Ich bin Mainz dankbar, dass sie mir die Chance auf eine Profikarriere gegeben haben, aber mein Herz hängt natürlich ein Stück mehr an der Eintracht“, sagt Zampach. Nach dem Aufstieg erhielt er damals einen Fünfjahresvertrag.

Als Kicker der Frankfurter Footballer von Universe hat er nun eine neue Herausforderung gefunden. Jeder erwarte von ihm als ehemaligen Fußballprofi, „dass ich das Ding reindresche – egal wieviele Yards es sind“. Liege aber das Ei nur zwei Zentimeter fernab der vorgesehenen Stelle, „kann es auch schon mal in den Himmel gehen“. Mit einem Schmunzeln erinnert er sich an sein erstes Spiel, an die ersten beiden Versuche, als das Ei nicht richtig in Position gebracht wurde und er sich geistesgegenwärtig darauf warf, um es vor den heranstürmenden Kolossen zu schützen. Im ersten Moment habe er gar nicht gewusst, ob seine Rettungstat überhaupt regelkonform gewesen sei. Das war sie. Natürlich würde Zampach am Ende der Saison gerne den  Aufstieg mit Universe in die erste Liga feiern. „Das wäre ein Traum.“ Nur die Kleider blieben diesmal wohl an. „Als Footballer müsste ich zu viel ausziehen. Wenn ich damit fertig bin, ist keiner mehr im Stadion.“