Maurizio Gaudino: Vom extrovertierten Paradiesvogel zum seriösen Spielerberater

Maurizio Gaudino: Vom extrovertierten Paradiesvogel zum seriösen Spielerberater

Von Sebastian Rieth

Maurizio-GaudinoAuf die manchmal bohrenden, meist aber peinlich berührten Fragen ist Maurizio Gaudino vorbereitet. Das gehört zu seinem Job. Wer um Vertrauen werben will, kann ja schlecht die eigene Vergangenheit ausklammern, sie wegschieben, wie ein Relikt aus längst vergessener Zeit, über das man am besten den Mantel des Schweigens hüllt. Das wäre im Gespräch weder hilfreich, noch würde es dem Naturell des einstigen Bundesligaprofis entsprechen, der wie kaum ein deutscher Fußballer vor ihm polarisierte, der sich aber auch nie verdrückte, wenn es galt, für Dinge gerade zu stehen. Diese Einstellung hat er sich bis heute bewahrt, fast 15 Jahre nach dem letzten seiner 294 Bundesligaspiele und gut 20 Jahre nach diesem einen Ereignis, das dem in Brühl geborenen Sohn italienischer Einwanderer noch immer nachhängt wie eine lästige Fliege, mit deren Anwesenheit man sich irgendwann abfindet. 1994 wurde Gaudino, gerade auf dem Höhepunkt seiner fußballerischen Schaffenskraft, im Anschluss an eine Talkshow mit Thomas Gottschalk von der Mannheimer Kripo verhaftet und in Handschellen mit dem Vorwurf der Beihilfe zum Versicherungsbetrug abgeführt. „Betrüger ohne Not“ titelte damals der Spiegel.

Den zwielichtigen Ruf des Autoschiebers wurde er nicht mehr los. „Es ist noch immer eine der ersten Schlagzeilen, wenn man mich googelt“, weiß Gaudino. Mittlerweile sieht er die Sache gelassen: „Es ist ein Teil meiner Geschichte, der immer an mir haften wird.“ Damit hat er sich arrangiert und kann auch deshalb den Fragen von jungen Spielern und Eltern den Wind aus den Segeln nehmen. Gaudino will überzeugen, seit mehr als einem Jahrzehnt ist er nun schon Spielerberater, vornehmlich für junge Talente – da genießt gegenseitiges Vertrauen oberste Priorität. Die Sache von damals sei zwar „unangenehm, aber umso schöner ist es doch, wenn sich die Leute trotzdem für den Menschen Gaudino interessieren“.

Einige verheißungsvolle Talente aus dem Jugendbereich und gut 20 Kicker, die vorrangig in der vierten Liga spielen, zählen zu den Klienten des 47-Jährigen. Das Aushängeschild ist der Hoffenheimer Boris Vukcevic. Gaudino beschäftigt drei Mitarbeiter, die Agentur hat ihren Sitz in Stuttgart. Das Geschäft läuft gut. Der frühere deutsche Nationalspieler hält nichts davon, an den großen Namen aus der Bundesliga zu graben, er besitzt eine andere Philosophie. „Wenn meine Augen und mein Verstand mir sagen, dass aus einem Jungen etwas werden kann, dann helfe ich ihm, seinen Traum zu verwirklichen.“ Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Gaudinos Leben hat sich gewandelt, er ist nach München gezogen, um die Kinder aus erster Ehe mit seinem jetzigen Familienleben zu vereinen, der einstige Lebemann telefoniert viel, zeigt sich auf Trainingsplätzen und bei Fußballspielen. In der Branche laufe viel über Zuruf und drei Ecken, sagt er. Gaudino hat eine angenehme Distanz gefunden. Seine Spieler sollen immer zweigleisig fahren, auch eine Ausbildung abschließen; nicht so wie er, als er im Alter von 17 Jahren für den ersten Profivertrag bei Waldhof Mannheim seine Lehre abbrach. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.“ Und gewonnen. Gaudino weiß: „Du musst es heute im Alter von 18 bis 22 Jahren geschafft haben, sonst wird es ganz, ganz schwer.“ Und: „Manchmal ist die Wahrheit hart.“ Gaudino kann davon erzählen, wie viel Arbeit und Entbehrungen die Jungs im zarten Alter hinnehmen müssen. Deswegen macht ihn manche Kritik wütend. „Wer nicht sieht, auf was junge Fußballer alles verzichten müssen, wie hart sie an sich arbeiten, was sie leisten und wie viel Glück man auch haben muss, um oben hereinzuschießen, der kritisiert die Gehälter als zu hoch. Wer aber weiß, was dahinter steckt, der hält sich aus dieser Diskussion raus.“ Schließlich gehe es in der dritten und vierten Liga auch schlichtweg um Existenzen. „Man sieht in den Medien immer nur das Üppige. Dabei wird man nicht von heute auf morgen zum Superstar.“ Jedenfalls nicht generell. Bei Gaudino lief das trotzdem so ähnlich. Meister 1992 mit dem VfB Stuttgart, der große Star bei Eintracht Frankfurt, die WM-Teilnahme 1994 in den USA – die Vita ist lang. Ein paar Jahre will er sein Geld noch als Berater verdienen, danach könne er sich den Wiedereinstieg bei einem Verein als Manager gut vorstellen.