Dieter Müller: Ich habe keine Angst vor dem Tod

Dieter Müller: „Ich habe keine Angst vor dem Tod“


Von Martin Batzel

Dieter MuellerDieter Müller weiß, was ihn am Leben hält. Er spürt es, fühlt das kleine Gerät, welches in seiner linken Brust steckt. Wer über die Haut streicht, spürt den kleinen Defibrillator, der implantiert wurde, nachdem Dieter Müller vor einem Jahr einen Herzinfarkt erlitt. Eine kleine Unebenheit ist es nur, aber Müller weiß: Sie rettet sein Leben.

Das Implantat ist nicht nur eine physische Sache, die Medizin kennt auch psychische Folgen, wenn Patienten darunter leiden, dass ihr Körper nicht selbständig in der Lage ist, für die Versorgung und den geregelten Ablauf zu sorgen. Müller, der sich psychologische Unterstützung holt, hat gelernt, dass die Technik ihm beim Leben hilft. Er sieht’s pragmatisch. Alle sieben Jahre muss das Teil raus. Aber daran denkt Dieter Müller heute noch nicht. Er lebt jetzt. Schläft er mit dem Gedanken ein, schon mal tot gewesen zu sein? „Nein, vor dem Tod habe ich keine Angst.“ Was hat sich verändert? „Ich lebe heute bewusster.“ Keine Furcht vor dem Tod, aber Angst vor dem Sterben? „Nein, auch das nicht. Aber bitte richtig verstehen: Ich hänge an meinem Leben.“

Müller sieht die positiven Folgen seines Infarktes. Zwölf Kilo nahm er in den Wochen danach ab, drei sind inzwischen wieder drauf. Aber mehr werden es nicht. Ganz sicher. Sagt er. Und: Müller gab, kaum aus dem Koma erwacht, seiner Lebensgefährtin ein Versprechen: „Ich rauche nie mehr.“ Vor dem Infarkt schon. Wie viele? Das Thema ist unangenehm und Teil der Vergangenheit. Aber es war eine der Hauptursachen, warum seine Gesundheit rebellierte.

Heute muss Dieter Müller auf seine Ernährung achten. Abende mit deftigem Essen wie vor dem 30. September 2012 gibt es nicht mehr. Auf seiner Speisekarte fehlt Schwein, steht viel mediterrane Küche. „Und ab und an mal ein Wein“ – und alles in Maßen. Er joggt regelmäßig, drei bis vier Mal die Woche fünf bis zehn Kilometer in gemäßigtem Tempo und täglich Blutverdünner. Das muss sein. Sonst droht wieder ein Kammerflimmern.

So wie an jenem 30. September, gegen 18.30 Uhr: „Die Blutbahn war verstopft, ich bekam keine Luft mehr.“ Mehr Erinnerung hat er nicht. Es war ein Sonntagabend, als Lebensgefährtin Johanna Höhl dem ehemaligen Nationalstürmer das Leben rettete. Erst Notruf 112, dann Herz-Lungen-Massage, Beatmung. Zehn Minuten lang. Ohne Unterbrechung. Dadurch wird das Gehirn weiter mit Sauerstoff versorgt. Aber die Hoffnung schwindet - auch bei den im Haus in Maintal eingetroffenen Sanitätern. Zu meiner Frau sagten sie: „Gehen Sie raus, ihr Mann ist derzeit tot.“ Nach 31 Minuten schlug mein Herz wieder. Es folgte künstliches Koma, um den Stoffwechsel zu verlangsamen, den Sauerstoffverbrauch zu senken; eine Lungenentzündung, weil der Körper auf 32 Grad gekühlt wird. Und jede Menge Gnome, die durch die Luft und das Krankenzimmer flogen. Müller erlebt Szenen aus dem Kölner Karneval, ein Treffen mit Grace Jones, den ehemaligen Fußballgrößen von Kickers Offenbach Hermann Nuber und Berti Kraus, Treffen mit Mitspielern aus seiner Zeit als Nationalstürmer. Das verabreichte Morphium macht’s möglich. Dieter Müller träumt in Farbe. Das mag lustig klingen, ist‘s aber nicht. „Das war extrem, das waren teilweise schlimme und komische Sachen. Das hat mir Angst gemacht.“ Auch deswegen braucht er heute noch die psychologische Unterstützung.

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