Christian Hock: "Chefplaner der Wiesbadener Talentschmiede"

"Chefplaner der Wiesbadener Talentschmiede"


Von Sebastian Rieth

Christian-HockDie Bewerbung, die neben Christian Hock auf dem Tisch liegt, hat Charme. Auf dem Passfoto rechts oben in der Ecke lächelt verschmitzt ein junger Mann. Kantiges Gesicht, gebräunte Haut, gestylte Haare. Das Trikot eines Fußballvereins hat es am unteren Rand noch gerade so in den Bildausschnitt geschafft. Wüsste man es nicht besser, die Aufnahme hätte getrost auch als Autogrammkarte eines Bundesligastars abgedruckt werden können. Doch soweit ist der Bursche mit dem breiten Grinsen noch nicht, das verrät sein Lebenslauf. Viele Leerzeilen hat er dazwischengesetzt, die Überschriften ziemlich groß gewählt, um auch bloß den Rest des Blattes zu füllen. Ein wenig erinnert es an die erste Bewerbung zu einem Schülerpraktikum. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

Bei Christian Hock ist der ambitionierte, junge Mann genau an der richtigen Adresse gelandet. Seit Januar leitet der 43-Jährige das Nachwuchsleistungszentrum des Drittligisten SV Wehen Wiesbaden, lädt Spieler zum Probetraining ein, verlängert Verträge, spricht mit Eltern und Trainern, kümmert sich um Bustransfers. In der Talentschmiede ist Hock der Chefplaner. „Es gibt viel zu tun, und ich bin mit Leib und Seele dabei“, sagt der mit einem unbefristeten Vertrag ausgestattete Aschaffenburger. Dass der neue Job für ihn aber auch eine große Umgewöhnung sei, kann und will Hock nicht verbergen. So viel Zeit wie in den vergangenen Wochen hat der frühere Bundesligaprofi und spätere Zweitliga-Trainer wohl noch nie hinter dem Schreibtisch verbracht. Er war immer einer, der den Grasgeruch mochte, der den Trainingsanzug nur ungern gegen ein Jackett eintauschte. „Ich brauche diese Arbeit auf dem Platz. Dort gehöre ich hin“, weiß Hock. Seine Trainertätigkeit beim Verbandsligisten TSV Mainz Schott nach Dienstende sei deshalb eine „gewisse Ablenkung“, eine Maßnahme, „um im Rhythmus zu bleiben.“ Dass er irgendwann wieder an der Außenlinie und nicht hinter dem Schreibtisch sein Geld verdient, will der Nachwuchskoordinator nicht ausschließen. Ganz im Gegenteil: „Wenn das passende Angebot kommt, würde ich jederzeit wieder wechseln.“
Zuletzt war das nicht der Fall. Nachdem Hock gleich in seiner ersten Trainerstation mit dem SV Wehen Wiesbaden 2007 den Aufstieg in die zweite Liga feierte, drohte seine Karriere als Coach ein wenig zu stagnieren. Ahlen, Homburg und zuletzt Hessen Kassel – nirgendwo wurde der frühere Besitzer eines Friseursalons so richtig glücklich. Während seiner letzten Station erhielt er sogar Morddrohungen. „Das war eine schwere Zeit in Kassel“, erinnert sich Hock an den Eintrag im Gästebuch seiner Homepage. „Ich wusste nicht, ob es ernst gemeint war oder nicht. Das sind Sachen, die mit dem Sport nichts zu tun haben. Wir machen unseren Job alle nach bestem Wissen, aber die Hemmschwelle der Fans wird immer niedriger.“ Auf Gerechtigkeit oder zumindest eine Auflösung der dubiosen Drohung wartete er vergebens: Der Täter wurde nie ausfindig gemacht. Für Hock, der damals von seiner Familie getrennt in einem Hotel wohnte, ist seitdem eines klar: „Die Regionalliga ist es aus meiner Sicht nicht wert, irgendwo hin zu wechseln und meine Kinder im Stich zu lassen. Von heute auf morgen bist du eh wieder entlassen.“

Da bleibt Hock lieber im Rhein-Main-Gebiet wohnen, dem Ort seiner größten Erfolge. Beim FSV Mainz 05, nur einen weiten Steinwurf von seinem Schreibtisch in der Wiesbadener Geschäftsstelle entfernt, steht er noch immer hoch im Kurs. 247 Zweitligaspiele und neun Jahre bei den Nullfünfern – das muss ihm erst einmal einer nachmachen. Hock gibt zu: „In Mainz habe ich mein Herz.“
Von den Meriten vergangener Tage kann niemand leben. Die Fußballschuhe hängen am Nagel, die Haare sind an einigen Stellen längst grau geworden. Doch Hock wollte sich nach der aktiven Karriere nicht etwas grundlegend anderes suchen, schließlich sei der Fußball ja seine Berufung. Im Trainergeschäft, das musste er nach seinem steilen Start in Wiesbaden erfahren, ist das aber beileibe nicht so einfach. Gerade für die junge Generation der Übungsleiter, die erst einmal die Schulbank drücken und sich einen Namen machen müssen. „Man sollte nicht so lange aus dem Geschäft raus sein. Maximal anderthalb Jahre, aber dann wird es schon kritisch.“
Für Hock kam – nach seiner Entlassung in Kassel im Oktober 2011 – das Angebot aus Wiesbaden also zum richtigen Zeitpunkt. „Wenn man lange arbeitslos war, dann will man natürlich wieder in den Job rein.“ Umwege müssen da nicht immer hinderlich sein. Als Nachwuchskoordinator will er in der Landeshauptstadt und dem idyllischen Trainingsgelände am Wehener Halberg noch einiges bewegen. Einen engeren Kontakt zur Profimannschaft soll es in Zukunft geben, „damit der ein oder andere durchrutscht“. Nur so könne man ein Verbleib für Talente in Wiesbaden lukrativ machen. Hock weiß: „Mit Frankfurt, Mainz und Hoffenheim haben wir starke Leistungszentren in der Umgebung. Keine Frage – das ist ein knallharter Konkurrenzkampf.“ Mit dem Nachteil für Hock: Beim SVWW spielen die A- und B-Junioren nicht in der Bundesliga. Überzeugungsarbeit ist notwendig.
Der Ex-Mittelfeldspieler kann die leisten, weil er selbst über Erfahrungswerte verfügt. Noch immer beeindruckt ihn die Zeit, als er von Viktoria Aschaffenburg zu Borussia Mönchengladbach wechselte. „Ich bin aus einem Dorf in die Großstadt gekommen. Das war eine ganz andere Welt.“ Spieler wie Martin Dahlin, Holger Fach oder Christian Hochstädter habe er nur aus dem Fernsehen gekannt. „Wenn man als 20-Jähriger vor ihnen steht und sie mit großen Augen anschaut, denkt man nur: Bloß nichts Falsches machen.“ Doch die Zeiten hätten sich geändert, sagt Hock. Der Nachwuchskoordinator muss es wissen. „Heute versuchen die Jugendlichen noch einen dummen Spruch zu machen. Das hätten wir uns damals nie getraut.“ Ob daran auch die ständigen Wechsel schon im zarten Alter schuld sind? Hock weiß es nicht, sagt aber: „Ich bin in meiner Jugend einmal gewechselt. Wenn heute jemand aus der A-Jugend rauskommt, hat er meistens schon fünf, sechs Vereine durchlaufen. Das kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein.“ Als Familienvater hat Hock da einen besonderen Blick drauf. Seine Kinder seien ihm unglaublich wichtig, das färbt natürlich auch auf den Beruf ab – aber nicht umgekehrt. Denn nichts sei schöner als zu Hause, im kleinen Dorf Heidenrod im Rheingau-Taunus-Kreis, mit seinen achtjährigen Zwillingen zu spielen, erzählt Hock. „Wenn ich meine Kinder sehe, ist alles zweitrangig.“