Jimmy Hartwig: „Der dort oben hat mir schon dreimal den Arsch gerettet“

Jimmy Hartwig: „Der dort oben hat mir schon dreimal den Arsch gerettet“

Von Sebastian Rieth

Jimmy HartwigWenn sich in Jimmy Hartwigs Terminkalender mal ein paar freie Stunden finden, wenn er einen Ort zum Entspannen und Abschalten sucht, dann geht der 58-Jährige ins Kloster. Er, der mit bürgerlichen Vornamen Willliam Georg heißt und seit seiner erfolgreichen Fußballerkarriere stets als Draufgänger, als Lebemann, ja vielleicht als kleine Skandalnudel galt. Pokale und Partys – das war Jimmy Hartwig. Doch sein Leben hat sich nach der aktiven Karriere längst geändert. Nun suche er die Nähe zur Ruhe, zu einem Mönch, der mittlerweile sein Freund geworden ist und mit dem der Wahl-Münchner über alle Dinge dieser Welt reden kann. Hartwig genießt mehr, seine Sinne sind feinfühliger. „Viele sagen, ich hätte mich vom Saulus zum Paulus gewandelt“, erzählt Hartwig. Widersprechen will er dem nicht.

Seine erfolgreichste Zeit erlebte der defensive Mittelfeldspieler von 1978 bis 1984 beim Hamburger SV, mit dem er dreimal Deutscher Meister wurde und ein Jahr vor seinem Wechsel zum 1.FC Köln den Pokal der Landesmeister holte. Der in Offenbach geborene und aufgewachsene Sohn eines amerikanischen Soldaten hatte es geschafft. Raus aus den bescheidenen Verhältnissen, „aus der Gosse“, wie er in einem Zeitungsinterview mal sagte, rein in die glamouröse Welt eines Fußballstars. Hartwig spielte zweimal für die deutsche Nationalmannschaft, er war bekannt, verdiente gutes Geld. Die Fans liebten ihn. „Ich war einer, der 90 Minuten gekämpft hat und gerannt ist“, erinnert sich Hartwig. Das passte zu seiner Geschichte. Weil er ohne Vater aufwuchs, habe ihm das „Leitbild“ gefehlt. Dem Burschen aus Offenbach fiel – bis auf sein Talent – nichts in den Schoß, alles war hart erarbeitet. „Ich habe gekämpft, um aus diesem Milieu heraus zu kommen.“ Das stählt und es macht selbstbewusst: „Von irgendwelchen Pappnasen habe ich mir nie etwas sagen lassen“, erzählt Hartwig. Dass er abseits des Platzes aber nicht gerade als Vorbild diente, daraus macht er heute keinen Hehl. „Natürlich habe ich auch einen getrunken. Das gehörte damals einfach dazu.“

Der radikale Schnitt in Hartwigs Leben folgte 1989, als er seine Spielerkarriere gerade beendet hatte und eine Trainer-Laufbahn starten wollte. Bei dem einstigen Lebemann, der von sich selbst sagt, „viel Geld einfach so verprasst“ zu haben, wurde Krebs diagnostiziert. Ein Schock. „Der Jimmy Hartwig, den alle kannten, ist in diesem Jahr gestorben“, blickt er andächtig zurück. Seine Welt geriet aus den Fugen. „Wenn du auf dem Boden liegst, zeigen sich deine wahren Freunde. Ich hatte damals zu viele Schmarotzer an meiner Backe. Wenn von denen heute einer wieder anruft, dann lege ich einfach auf.“ Hartwig, der Kämpfer, überstand auch diese Prüfung. Dadurch sei er religiöser geworden, sagt er, „weil ich glaube, dass mir der dort oben schon dreimal den Arsch gerettet hat.“

Der heutige Familienvater wird diese schlimme Zeit nie vergessen, zum zweiten Mal in seinem Leben war er ein Außenseiter. Heute will er seine Erfahrungen teilen, will Menschen in ähnlichen Situationen helfen. Der Münchner hält in Schulen Vorträge zur Gesundheit, er geht in Hospizen, begleitet Menschen beim Sterben und macht mit eindrucksvollen Kampagnen auf die Hodenkrebsvorsorge aufmerksam. Ob er dabei, wie zuletzt, zu Fuß über die Alpen marschiert oder, wie aktuell, seine Route über den Jakobsweg plant, spielt keine Rolle. Hartwig bewegt nach seiner aktiven Fußballerkarriere etwas – wahrscheinlich mehr denn je zuvor.

Er weiß, wie es ist ganz oben und ganz unten zu sein. Als er an Krebs erkrankte, sei seine Frau mit dem Golflehrer durchgebrannt. Viel Geld habe er dadurch und durch falsche Anlagenberatung verloren. Der einstige Topverdiener stand kurz vor dem Bankrott. Die Schuld wolle er gar nicht bei anderen suchen, „aber das war mit ein Grund“. 2004 entschloss sich Hartwig an der RTL-Serie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ teilzunehmen, weil er aus der Krankenkasse geflogen sei und Arztrechnungen nicht mehr bezahlen konnte. „Ich brauchte Knete, also bin ich in den Dschungel gegangen“, erzählt er heute.
Um die 70 000 Euro soll er als Gage dafür bekommen haben – und das Beste: „Es hat auch noch Spaß gemacht.“


Der Schicksalsschlag habe ihn zwar verändert, das Herz trägt er aber weiterhin auf der Zunge. Genau das missfällt ihm am heutigen Fußballgeschäft. „Die Spieler“, sagt Hartwig, „haben keine eigene Meinung mehr. Die Berater besitzen die Macht, sie können die Vereine erpressen.“ Dass die Offenbacher Kickers, jener Klub, in dem seine Laufbahn begann, in der dritten Liga vor sich herdümpeln und Schulden die Existenz bedrohen, schmerzt ihn. Hartwig sagt aber auch: „Ich habe dem OFC einige Male meine Hilfe angeboten, weil ich weiß, wie die Menschen dort ticken. Von der Vereinsführung hieß es aber
immer nur Blabla.“ Er wollte ein integratives Konzept erstellen, um Jugendspieler an die erste Mannschaft heranzuführen. „Es ist im Fußball nichts mehr, wie es früher mal war. Es ist alles brutaler und blöder.“ Was Hartwig damit meint, verdeutlicht er am Beispiel seiner Kickers, die erst im Dezember mal wieder ihren Trainer entließen. „Diese Menschen werden wie faules Fleisch behandelt. Man sollte auch mal die Spieler zur Rechenschaft ziehen und ihnen erklären, dass der Bieberer Berg eine Historie hat. Früher haben sich die Gegner bei der Anfahrt in die Hosen gemacht, heute lachen sie nur noch darüber.“ Der 58-Jährige weiß ganz genau, wo er den Hebel ansetzen würde. „Da muss mal einer mit dem eisernen Besen durch. Ich würde diese ausgelutschten Profis zum Rasenmähen schicken und stattdessen auf junge Talente aus der Region setzen, die für den Verein alles geben.“
Etwas Ähnliches wird Hartwig in Kürze an anderer Stelle machen. Vor wenigen Wochen unterhielt er sich erneut mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Beim Verband soll er in die integrative Jugendmitarbeit eingebunden werden. Der Mann aus den bescheidenen Offenbacher Verhältnissen weiß in solchen Fällen schließlich, wovon er spricht.


Dann ist Hartwig authentisch und muss sich nicht wie bei der Schauspielerei, seinem zweiten Standbein, in Personen hineinversetzen. Ab und an sieht man den Familienvater im Fernsehen, wo auch in Zukunft einige Projekte laufen sollen, sein Herz hat er aber ans Theater verloren. Dort spielt er mal Woyzeck, mal Othello und in „Eine Legende liegt auf der Couch“ auch sich selbst. Zweimal war Hartwig in seinem Leben ein Außenseiter, vielleicht sucht er sich auch deshalb ähnliche Figuren aus. Regisseur Thomas Thieme ist von ihm begeistert, sagt, er habe die „Kraft eines Stieres und die Seele eines kleinen Jungen“. Hartwig macht das natürlich stolz, er hat aber längst ein anderes Ziel: „Wenn ich sterbe, dann will ich sagen können: Ich bin gekommen mit nichts und ich gehe mit nichts.“