Sparzwang nach der Glamour-Zeit

Von Martin Batzel

Frau Drüke kommt jeden Tag. Sie kocht Kaffee, rückt Stühle im Presse- und Besprechungsraum in Reihe, begrüßt auch Fremde herzlich und mit freundlichen Worten,  verbreitet Wohlfühlatmosphäre in den Containern, in denen die Geschäftsstelle untergebracht ist. Frau Drüke gehört zu den guten Seelen der TuS Koblenz.

Frau Drüke ist Rentnerin im Unruhestand, arbeitet ehrenamtlich für die TuS, seitdem sie 2011 vorbeikam und fragte, ob der Verein ihre Hilfe benötige. Es war die Zeit, als der Verein jede Hilfe nötig hatte – gleich welcher Art. Und die von Frau Drüke besonders. Frau Drüke fährt jeden Tag mit dem Bus raus in die Räume am Stadion im Stadtteil Oberwerth – nicht einmal die Fahrkarte lässt sie sich bezahlen.  Frau Drüke ist ein schützenswertes Stück TuS Koblenz. So bezeichnet sie Thomas Theisen, Präsidiumsmitglied Sport, beim Viertligisten.

Frau Drüke hätte auch gut zur TuS gepasst, als Evangelos Nessos 2004 dorthin wechselte. „Alles war familiär, alles war klein“, erinnert sich Nessos, der vor zehn Jahren im Sommer vom 1. FC Köln den Rhein aufwärts kam. Nessos wurde Stammspieler in der Abwehr und im defensivem Mittelfeld, stieg 2006 mit der TuS in die zweite Liga auf.  Zuletzt stand er Mitte April 2007 auf dem Spielberichtsbogen. Eine Verletzung der Patellasehne im Knie beendete seine Laufbahn nach zwei Jahren mit viel Bangen und Hoffen und ohne Einsätze. Nessos wurde Sportinvalide mit 29. Nessos blieb der TuS erhalten. Er als Jugend-, dann als Co-Trainer der ersten Mannschaft. Seit letztem Sommer ist Nessos Teamchef. Die wechselvollen Jahre in Koblenz hat kaum einer so intensiv erlebt wie er.

Aufstieg 2006, endlich zweite Liga, alles schien prima rund um das Stadion Oberwerth, das in seiner Geschichte schon viele Namen hatte – manche waren wirtschaftlichen Gründen geschuldet, weil wieder ein neuer Hauptsponsor kam, andere der Politik: 1920 von Amerikanern gebaut, hieß es entsprechend Amerikaner-Stadion. Während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurde daraus die Hermann-Göring-Kampfbahn, nach Kriegsende kurzzeitig das Stade de Gaulle, weil die Franzosen ihren Einfluss ausspielten. Heute gehört das Stadion der Stadt, ist Teil der Sportanlage am Oberwerth. Die Fußballer des Viertligisten müssen sich die Anlagen teilen mit Läufern, Leichtathleten, Speer- und Hammerwerfern. Entsprechend sieht der Rasen auf den Nebenfeldern bisweilen auch aus. Training auf dem Hauptfeld ist selten erwünscht.

Der Teamchef, dem die Trainerlizenz noch fehlt, klagt nicht wegen der widrigen Umstände. Nessos nimmt sie als Herausforderung an. Auch sie sind ein Ergebnis von vier Jahren Zweitligazugehörigkeit, in der Überheblichkeit und Fehleinschätzungen, Arroganz und der Glaube, am großen Rad des Profifußballs mitdrehen zu können, große Teile des Tagesgeschäfts bei der TuS mitbestimmten. Die Folgen dieses Wirtschaftens spüren die handelnden Personen heute. Frau Drüke gab es damals noch nicht am Oberwerth. Aber Vierjahresverträge für Trainer wie Uwe Rapolder, der im April 2007 kam und im Dezember 2009 entlassen wurde. Und: „Es gab Steuerdelikte und Strafbefehle.“ So schildert es Präsidiumsmitglied Thomas Theisen. Er kommt aus der Werbebranche, scheint gut geerdet, gibt Ziele aus, die vor acht Jahren allenfalls ein verächtliches Zucken in den Mundwinkeln bewirkt  hätten: „Wir wollen die TuS Koblenz auf Dauer in der Regionalliga etablieren.“ Zwar heißen die Gegner – fast wie zu Zweitligazeiten - auch in dieser Spielklasse Mainz 05 und Kaiserslautern. Aber es sind eben nur die zweiten Teams der Profiklubs. Theisen lässt das „nur“ nicht gelten: „Wir spielen am Betzenberg und am Bruchweg – es gibt Schlimmeres im deutschen Fußball.“ Aber die TuS muss auch nach Pfullendorf. Die Alternative hätte gelautet: Sie machen weiter wie zuvor, leben über die Verhältnisse, der Schuldenberg wächst, die TuS GmbH geht in die Insolvenz. Pleite statt Pfullendorf - das aber war nicht gewünscht. Also entschied sich die neue Präsidiumsmannschaft für einen Schnitt, wie er radikaler kaum hätte angesetzt werden können und verzichtete auf das Startrecht in der dritten Liga. Nach vier Jahren in der zweiten Liga war die TuS zwar sportlich, aber wirtschaftlich nicht qualifiziert. Die Entscheidungen von damals wirken heute noch nach. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Walterpeter Twer hatte sich zurückgezogen und seine Anteile an der GmbH für den symbolischen Preis eines Euro verkauft. Twer gehört der Mittelrheinverlag, in Medienangelegenheiten ist er der Platzhirsch in und um Koblenz herum. Sein Platz in der Vereinsführung und Sponsorenliste war nun frei, aber  ein neuer Investor fand sich nicht. Deswegen zog die GmbH am 7. Juni 2011 die erste Mannschaft zurück, einen Monat später erteilte der Deutsche Fußball-Bund das Startrecht für die Regionalliga. Auf Theisen und seine Präsidiumskollegen des 1911 gegründeten Vereins warteten ungeöffnete Briefumschläge, offene Rechnungen, Zusatz-Tribünen, für die ein Jahr lang keine Miete gezahlt worden war, viele Probleme und wenig Spaß. Zu der Zeit fragte Frau Drüke auf der Geschäftsstelle an, ob sie helfen könne. Unentgeltlich, ohne Aufwandsentschädigung. Die Rentnerin wollte nichts, außer einer Aufgabe.  Mehr möchte sie auch heute noch nicht.

Über die „Steuerdelikte und Strafbefehle“ aus der Vergangenheit möchte Theisen heute nicht mehr gerne sprechen. Sie waren vor seiner Zeit, er muss sich nur mit den Folgen herumschlagen, erklären warum die TuS in Pfullendorf spielt, liebgewonnene Zuschauerplätze durch den Abbau von Tribünen verschwinden und bisweilen auch ertragen, dass ihm Prügel angedroht werden. Eine zweistellige Zahl betrage der Kreis der gewaltbereiten Unterstützer der TuS. Auch dies sei ein Mitbringsel aus der Zeit in der zweiten Liga, für den Klub zu verkraften, aber nicht schön. Warum macht er diesen Job? Schließlich war die TuS für ihn „vor 2010 nur auf Sky ein Thema. Hier ging es um Glamour“. In den Jahren danach ging es um die Existenz des Vereins. „Altlasten, Zuschauerzahlen, Sponsoring“ nennt Theisen als die drei größten Probleme der TuS. Altlasten in Millionenhöhe; Zuschauerzahlen, die sich bei nur etwa 1800 Besuchern pro Heimspiel im Schnitt in einer Liga eingependelt haben, der es nicht an Qualität, aber an Fernsehpräsenz fehlt; und ein Sponsorenvolumen, das für die Regionalliga längst noch nicht ausreicht. Absolute Zahlen gibt er nicht preis, aber immerhin: „Auch das  Verhältnis zur Stadt Koblenz wurde um 100 Prozent verbessert.“

„Heute kommen die handelnden Personen aus der Region.“ Dies scheint für Theisen der einzige Weg der TuS Koblenz in eine gesicherte Zukunft. Theisen und auch Teamchef Nessos ist klar, dass sie an der „Zukunft eines bodenständigen Ausbildungsvereins“ arbeiten.  „Die TuS Koblenz und die Regionalliga können nur das Sprungbrett sein für Talente auf ihrem Weg nach oben“, beschreibt Nessos die Situation realistisch. Die Spieler künftiger Kader werden verstärkt aus der Region stammen, weil die wirtschaftlichen Vorgaben dies so verlangen und der Identifikationsfaktor Vorteile verspricht. Mit großen und vielleicht teuren Namen wurde es in Koblenz schon versucht, Beispiele sind der Ex-Frankfurter Evin Skela, der Albaner Fatmir Vata und Du-Ri Cha, Sohn des früheren Eintracht-Stars Bum-Kun Cha. Es wäre zu einfach zu sagen, dass die mehreren Millionen Euro Schulden darauf zurückzuführen seien. Aber der Schuldenberg ist ein Ergebnis der Misswirtschaft aus Zweitligazeiten, als sich die Koblenzer Verantwortlichen von großen Namen großen Erfolg versprachen.  Skela, Vata, Du-Ri Cha – es ist fraglich, ob sie den Begriff der „Schängel“ kannten. So werden in der Mundart die in der Stadt Koblenz geborenen Jungs genannt – und mittlerweile auch die Mädchen. Koblenz ist die „Schängel-Stadt“, die Spieler der TuS werden „Schängel“ genannt. Ohne Identifikation mit Stadt und Region geht es nicht.  Seinen Ursprung hat der Begriff in dem französischen Jean, dessen Aussprache durch dialektische Färbung zum Schang und später zum Schängel wurde. Früher war es ein Schimpfwort, heute gilt es als Auszeichnung.

Spieler wie Michael Stahl sind heute die Hoffnung der TuS Koblenz. Sie gelten als „Schängel“. Der Defensivspieler erzielte im Oktober 2010 das „Tor des Jahres“, als die TuS 2:1 im DFB-Pokal gegen Hertha BSC gewann und er – wenn auch ungewollt – aus 61 Metern den Ball ins Tor drosch. In den Medien stand anschließend in Anspielung auf den mit einem Oscar prämierten,  ähnlich lautenden Film: „Aus der Mitte entspringt ein Schuss.“ Und was für einer. Die Klickzahlen bei youtube steigen immer noch. Stahli, wie sie ihn in Koblenz liebevoll nennen, ist eine Identifikationsfigur, so etwas wie ein Markenbotschafter. Er wird beim Fußballjugendcamp zu Ostern dabei sein, seine Mannschaftskollegen sind als Übungsleiter der Jugendmannschaften eingesetzt, Teamchef Nessos wirkt im erweiterten Präsidium als gewähltes Mitglied mit. Sein Verantwortungsbereich ist die Jugend. Für jeden findet sich eine weitere Aufgabe. Bei guter Koordination spart das auch Spritgeld.

Würde Theisen, in Kenntnis dessen, was auf ihn zukommt, die Aufgabe heute nochmal übernehmen? Er verneint klipp und klar. „Ich war fußballverrückt, blauäugig und hatte keine Ahnung.“ Warum macht er das? „Weil wir ein Team sind, weil wir von hier sind, weil wir Kameradschaft leben und die Dinge auch beim Namen nennen können, ohne dass einer sauer ist.“  Demnächst soll Nessos Vertrag verlängert werden. Es ist nicht vermessen zu vermuten, dass sein Salär nicht sonderlich angehoben worden war, als er von der Position des Co-Trainers auf den Posten des Teamchefs aufrückte. Nessos: „Ich muss meine Familie davon ernähren können, und dafür reicht es.“ Der Deutsch-Grieche wird sich bei der Zusammenstellung seines Kaders für die nächste Saison bescheiden müssen.  1,5 Millionen Euro stehen für die aktuelle Spielzeit zur Verfügung. Das beinhaltet auch die Kosten in Höhe von 250 000 Euro für das Nachwuchsleistungszentrum. Nächste Saison dürfte die Zahl bei etwa einer Million Euro liegen – alles inklusive. Das sieht der Wirtschaftsplan vor, an dem kein Wunschdenken vorbeiführt. Er muss Behörden und Großgläubigern vorgelegt werden, welche im Gegenzug Schulden in Millionenhöhe erlassen oder gestundet haben.  Werden die Forderungen erfüllt, dann wäre in 60 Monaten bezahlt, auf was die Gläubiger eben nicht (komplett) verzichten und die TuS dann schuldenfrei. Was in den Büchern eine Schuldenreduzierung von mehreren Millionen Verbindlichkeiten auf einen sechsstelligen Betrag bedeutet, beschreibt Theisen so: „Der Patient wurde erfolgreich notoperiert, muss aber noch starke Medikamente nehmen.“

In fünf Jahren soll das Thema durch sein. Aber wo sieht Theisen die TuS in zehn Jahren? „Stabil aufgestellt und mindestens in der Regionalliga.“ Banal erscheint dagegen sein Wunsch, dessen Wert mit Blick auf seine Arbeit in den vergangenen drei Jahren deutlich wird. „Ich möchte einfach mal auf der Tribüne bei der TuS Koblenz sitzen und ein Spiel genießen können, ohne dass einer durchdreht.“ Inge Drüke säße in solchen Momenten gerne neben ihm  – und durchdrehen würde sie bestimmt nicht.