Borussia Fulda - Der lange Weg zurück aus der Bedeutungslosigkeit

Von Martin Batzel

Das sind noch Preise: Vier Euro kostet ein Ticket, gültig für alle Plätze – auch auf der Sitzplatztribüne. Damit wirbt Borussia Fulda um Kundschaft. Alle Plätze für einen Preis - nur die auf der Trainerbank sind tabu. Hier, im Stadion Johannisau, lebt der Fußball an der Basis und nahe der Graswurzel. Drei Euro sind fällig für die Kombination von Bier, Bratwurst und Brötchen. „So wollen wir wieder Zuschauer ins Stadion locken“, erklärt Jörg Dietz, Vorsitzender von Borussia Fulda, die Gründe für die Preispolitik.

Noch 15 Minuten sind es bis zum Anpfiff der Partie gegen die zweite Mannschaft des Hünfelder SV und die wichtigste Frage im Stadion lautet: Knackt Borussia Fulda heute die Grenze von 100 erzielten Toren? Vor dem Anstoß und nach 27 absolvierten Spielen fehlen noch fünf Tore. Das macht drei Treffer pro Spiel im Schnitt, 10:0-Siege sind auch dabei.

Vier Euro Eintritt nehmen die übrigen 18 Teams der Gruppenliga Fulda zwar auch, aber sie bieten für den Preis keine überdachte Haupttribüne und keine Gegentribüne mit Schalensitzen und Sonnenschein. 600 Zuschauer kommen im Durchschnitt. „Das ist der höchste Schnitt in allen hessischen Amateurligen“, rechnet Reinhard Buchhagen vor. Im Vorstand ist er der Mann für die Finanzen.  Das Spiel gegen Hünfeld II sehen knapp 250. Die Konkurrenz ist aber auch zu groß: Verkaufsoffener Sonntag in der osthessischen Stadt, jede Menge Rummel rund um den Dom, der das Wahrzeichen der Katholiken-Hochburg bildet. Schönes Wetter und Sonnenschein lockt Ausflügler in die Rhön, dass 20 Autominuten entfernte Naherholungsgebiet.

Wer bei schönem Wetter und zu Heimspielen in den Nachmittagsstunden oder am frühen Abend ins Stadion Johannisau kommt, hält sich meist auf den Gegengeraden auf, dort wärmt die Sonne besonders angenehm.  Blocktrennung gibt es nicht, warum auch. Der Gegner bringt selten Fans mit, organisierte Fanklubs schon mal gar nicht. Im Ligaalltag sind Vereine wie Rothemann, Schlitzerland, Hosenfeld, Haunetal und Großenlüder zu Gast. Sie zeugen eher von respektabler lokaler Größe denn von (über-)regionaler Bekanntheit.  Irgendwie und besonders wegen der eigenen sportlichen Vergangenheit passt der Name Borussia Fulda nicht da rein – und deswegen will der Verein auch raus aus der Gruppenliga.

45 Minuten sind vorbei im Spiel gegen die Reserve aus der Nachbarstadt. Fulda führt 2:0, für Marcel Trägler sind es seine Tore 22 und 23 in der laufenden Spielzeit. Er stammt aus der Borussia-Jugend, erzielte in der vergangenen Saison in der A-Klasse 60 Treffer. Noch drei Tore fehlen bis zur 100er-Marke. Trainer Oliver Bunzenthal gibt sich optimistisch. „Wir haben damit gerechnet, diese Grenze zu knacken, aber nicht so früh in der Saison.“

Bunzenthal wechselt vor Saisonbeginn aus Hünfeld nach Fulda und damit von der Hessenliga in die zwei Klassen tiefere Gruppenliga. Nun will er wieder hoch. „Oliver ist als Trainer die beste Lösung, die unsere Region zu bieten hat“, sagt Dietz über den früheren Mittelfeldspieler, der als Aktiver 120 Spiele in der Regionalliga für den SV Wehen absolviert und auf 17 Einsätze als Profi für Eintracht Frankfurt kommt. Zum Karriereende hin unterschreibt Bunzenthal beim Hünfelder SV, spielt noch zwei Jahre bis 2006, übernimmt dort den Trainerjob und bleibt bis Juni 2013. In Osthessen schließt sich für Bunzenthal ein Kreis, als 17-Jähriger wechselt er 1990 von Borussia Fulda zu Eintracht Frankfurt. Sein Name steht für Kontinuität und Vereinstreue.

In der Halbzeitpause bleibt noch Zeit für einen Snack. Kleine Schilder am Boden weisen den Weg zum freundlich eingerichteten VIP-Raum. Hier gibt es neben Currywurst und Cola auch einen angenehmen Umgangston und nette kleine Gesten, um die Geldgeber bei Laune zu halten. Ein VIP-Raum in der Gruppenliga? „In dieser Spielklasse ist das einzigartig.“ Mit berechtigtem Stolz weist Dietz auf die Errungenschaft hin, für deren Jahresticket der Preis am 1. April von 400 auf 600 Euro erhöht worden war.

Für einen Kasten Bier, das obligatorische Essen nach Heimspielen – und sei es noch so gemütlich - oder eine schöne Vereinsweihnachtsfeier spielt im oberen Drittel der Gruppenliga keiner mehr Fußball. 150 000 oder gar 200 000 Euro reichen heute nicht mehr, um das Ziel Verbandsliga zu erreichen. Der Etat von Borussia Fulda liegt im sechsstelligen Bereich und eine „große zwei“ steht davor. So wird es im VIP-Raum fein umschrieben. Die Verantwortlichen des Vorstands aber sprechen über Zahlen nicht so gerne. Sie halten sich zurück, wollen nach den Jahren des finanziellen Wagnisses und der wirtschaftlichen Unvernunft „solide arbeiten und Borussia Fulda finanziell auf vernünftige Füße stellen“, wie es Schatzmeister Buchhagen formuliert. Sie müssen sich um die Finanzierung von Mannschaft und Verein kümmern, das Stadion gehört der Stadt. Borussia Fulda zahlt eine Pacht, die stark von den Umsätzen aus den Zuschauerzahlen abhängt. Aus Sicht des Klubs eine clevere Lösung.

Ziel ist die Hessenliga, je schneller desto besser. Das wäre, den Aufstieg in die Verbandsliga in diesem Jahr vorausgesetzt, schon in 15 Monaten möglich. Aber so offen will das keiner bei Borussia Fulda sagen, denn das klingt nicht gut, ein wenig überheblich und ein bisschen nach alten Zeiten. Die enden vor zehn Jahren in der sportlichen und wirtschaftlichen Pleite. Borussia steigt mehrfach ab, kann Forderungen der Gläubiger nicht mehr erfüllen. Zu der Zeit beginnt Jörg Dietz sich für Borussia Fulda zu interessieren. Eigentlich ist er Fan des FC Bayern München, er besitzt eine Dauerkarte für die Südkurve. Dort entsteht bei Bayern-Spielen die Stimmung. Bei Borussia Fulda  wird er 2008 erst Schriftführer, ein Jahr später stellvertretender Vorsitzender. 2010 tritt der Vorsitzende zurück, Dietz rückt an die Spitze. Die Insolvenz wird abgewendet. „Das haben wir aus eigener Kraft geschafft.“ Dietz‘ Stolz über den gelungenen Kraftakt ist heute noch zu hören. 100 000 Euro reichen, um die Forderungen zu begleichen, denn die Gläubiger verzichten auf viel Geld. Borussia Fulda überlebt, das Jubiläum zum 100-Jährigen Bestehen ist nicht vergessen, aber in diesen Jahren nicht so wichtig. Die große Fete wird zehn Jahre später an Pfingsten 2014 nachgeholt. Dann besteht Borussia Fulda fast auf den Tag genau seit 110 Jahren und die SG Bad Soden kommt zum letzten Heimspiel. Es geht zwar auch dann um Punkte, für Borussia Fulda wohl aber eher um einen schönen Abschluss. Vor dem Heimspiel gegen Hünfeld II hat der Verein schon 68 Punkte, anschließend sind es 71 und damit 15 Zähler Vorsprung auf den Zweiten Eichenzell.

60 Minuten sind gespielt, Daniel Schirmer trifft zum 3:0, noch zwei Tore bleiben bis zur Marke. Die Zuschauer wollen sie fallen sehen. Sie fordern mehr, wenn auch nur in der Lautstärke, die man Menschen im gesetzten Alter über 50 zutraut. Keine Trommeln, Rasseln, Gesänge oder gar Bengalos stören die Ruhe. Zwei Männer tragen die orangefarbenen Leibchen der Ordner. Mehr braucht es hier auf diesem beschaulichen Sportplatz nicht. Zwei Fanklubs hat Borussia Fulda noch. Sie heißen „Harter Kern“ und „Partylegion Osthessen“. Ihre Aktivitäten haben nachgelassen, aber sie leben noch.

69. Minute, das 4:0 durch Sasa Dimitrijevic. Der 20-Jährige wechselt im Winter 2013 von einem serbischen Drittligisten nach Osthessen. Die Kooperation eines Borussen-Sponsors mit einem Unternehmen in Dimitrijevics Heimat macht es möglich. Nur mit Spielern aus der Region geht es nicht. Auch wenn der Hauptgrund, den Mittelfeldspieler Robert Schorstein für seine Rückkehr an die Fulda nennt, beispielhaft sein könnte: „Ich spiele jetzt wieder mit vielen Jungs zusammen, mit denen ich bereits in der Jugend hier gekickt habe. Dass dazu noch Spieler kommen, die in den vergangenen Jahren noch in der Hessenliga gespielt haben, macht es als Fußballer richtig interessant.“

Nur noch ein Tor fehlt, dann ist ein (Teil-)Ziel erreicht. Aufstieg lautet die Vorgabe für Bunzenthal. Seine ehrgeizigen Pläne passen zu den Vorhaben des Vorstands, in der Johannisau „etwas auf Jahre hin aufzubauen“. Bunzenthal, der auch mit 43 Jahren den Eindruck macht, immer noch mitspielen zu können, spricht von seiner Aufgabe als „einen Riesenspaß“. Der Begriff Zusammenhalt fällt immer wieder. „Hier geht viel über die Harmonie. Wir wollen wieder ein Vereinsleben haben und ein Verein sein.“ Dies sei die Grundlage für den Erfolg.

Mit seiner Art schaffte es Oliver Bunzenthal auch Spieler zu begeistern, deren fußballerische Vita sich liest wie ein langer, steter Abstieg, die aber – wie Alexander Reith - in der Gruppenliga zeigen, dass sie hier und auch höher mithalten können. Reith stammt aus Fulda, spielt in der Jugend für Werder Bremen, wird mit der U15 Deutscher Meister, durchläuft die deutschen Nationalmannschaften U15, 16 und 17, bekommt gleich zwei Angebote zum Probetraining in der englischen Premier League: Auf dem Rasen des FC Fulham reißt am zweiten Tag sein Kreuzband, zum FC Liverpool reist er dann nicht mehr. Aus England meldet sich niemand mehr bei Reith, er wechselt in die Pfalz. Immer neue Verletzungen und starke Konkurrenz verhindern den Durchbruch beim 1. FC Kaiserslautern, über den Oberligisten Buchonia Flieden kehrt Reith zurück in seine Heimatstadt.

Reith ist am Wochenende Borussias Mittelfeldmotor und sonst Mitarbeiter in einem Wellnessbetrieb. Fürs Profitum fehlt auch beim Liga-Krösus das Geld, dies wird auch eine Liga höher nicht anders sein. Auch wenn die Gegner dann Eschwege, Willingen und KSV Hessen Kassel II heißen, die Wege länger werden und die Ansprüche vielleicht schneller steigen als die Eintrittsgelder. Ganz vorsichtig wird in der Johannisau darüber gesprochen, was vielleicht irgendwann und in dann doch nicht allzu ferner Zukunft möglich sein könnte, wenn es denn gut laufe. Wenn die Gedanken in Worte gefasst werden, dann findet sich viel, viel Vorsicht darin. Und dann fällt der Begriff doch: Regionalliga, Rückkehr in die überregionale Bedeutsamkeit. Irgendwann wieder. Die Erinnerung ist noch da, am dritten Spieltag der Saison 1996/97 in der Regionalliga Süd kommen 18 000 Zuschauer zum Spiel Borussia Fulda gegen den 1. FC Nürnberg in die Johannisau. Die Partie endet 1:1, die Jahre danach enden meist mit finanziellen und sportlichen Schwierigkeiten.  2004 Lizenzverweigerung für die Oberliga, 2009 Abstieg aus der Hessenliga, ein Jahr später der Abstieg aus der Verbandsliga Nord und im gleichen Jahr der Insolvenzantrag. Aber der Verein überlebt auch das.

Zurück in die Gegenwart. In der 80. Minute sind die 100 voll, Imal Schersadeh trifft zum 5:0, die Tordifferenz liegt bei 86 Treffern und Jörg Dietz, der agile Vorsitzende, der die Identifikation mit dem Verein vorlebt, macht sich Gedanken, wie man die Situation noch mehr genießen könnte. Der benachbarte Segelflugplatz böte die Gelegenheit dazu. 15 Minuten dauert ein Rundflug über die osthessische Stadt, Start und Landebahn liegen direkt neben dem Stadion. 15 Minuten – das ist nur wenig länger als die Halbzeitpause und eine schöne Idee fürs Jubiläumsfest an Pfingsten.  Von oben betrachtet sähe der derzeitige Höhenflug von Borussia Fulda dann noch schöner aus.