SpVgg 05/99 Bomber Bad Homburg - Amateurfußball und kein Ende in Sicht

Von Martin Batzel

Das Jahr 1973: Die Bundesrepublik verkürzt den Grundwehrdienst von 18 auf 15 Monate; ab jetzt gelten die Notrufnummern 110 und 112; im Herbst die erste Ölkrise, der Ölpreis steigt um 70 Prozent; in Sydney wird die Hard-Rock-Band AC/DC gegründet. Bayern München holt sich die vierte Meisterschaft, Eintracht Braunschweig trägt als erstes Bundesliga-Team Trikot-Werbung; am 12. Juni wählt die CDU Helmut Kohl zu ihrem Vorsitzenden. 18 Tage später gewinnt die Spielvereinigung 05 Bad Homburg durch ein 1:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern die deutsche Meisterschaft der Fußballamateure. Das ist längst Vergangenheit. Mit viel Glück erinnert sich jemand dran.

Mehr als 150 Zuschauer kommen heute kaum noch zu den Heimspielen auf dem malerisch gelegenen Sportplatz an der Sandelmühle nahe der beschaulichen Fußgängerzone Bad Homburgs. Spiele in der Kreisoberliga sind kein Publikumsmagnet, das Derby gegen die DJK sehen 200 Zuschauer. Die Zahlen beunruhigen Jugendkoordinator Thorsten Wittkamp nicht, der den Verein als erfolgreichen Ausbildungsklub sieht. „Wir sind im Jugendbereich das Flagschiff des Hochtaunuskreises.“

Die große Vergangenheit der Spielvereinigung 05 Bad Homburg hängt an der Wand über dem Stammtisch – einer gemütlichen Eckbank im Vereinslokal an der Sandelmühle, eingeschlossen von einem schweren großen Glasrahmen, die Urkunde farblich im Laufe der Jahrzehnte unfreiwillig nachgetönt, versehen mit der leicht barock klingenden Formulierung:  „Der Spielvereinigung 05 Bad Homburg in Anerkennung Ihrer Leistung gewidmet“.  Der Weg zur Amateurmeisterschaft führt in der Vorrunde über den Karlsruher FV (4:0). Dem Deutschen Meister von 1910 aus Baden ergeht es später so wie dem Gegner aus dem Rhein-Main-Gebiet: Pleite und Neuanfang. In der Zwischenrunde haut Bad Homburg den ASV Bergedorf 2:0 und 8:1 weg. In Bergedorf wird beim ASV seit 1998 kein Fußball mehr gespielt. Im Halbfinale reicht Bad Homburg ein 2:1 und 1:1 gegen den ESV Ingolstadt. Der gibt die Sparte Fußball 2004 auf und an den FC 04 Ingolstadt ab.  Zum Finale treffen sich die Spielvereinigung und die Amateure des 1. FC Kaiserslautern an einem Ort, der heute auch ganz anders aussieht: Am Bieberer Berg in Offenbach gewinnt Bad Homburg 1:0. 7000 Zuschauer sehen das Endspiel in einer Zeit, als der Fußball von Amateuren mit Blick auf das Zuschauerinteresse noch konkurrenzfähig ist. Den Wettbewerb aber streicht der DFB schließlich aus dem Programm. 1998 spielen TeBe Berlin, Sportfreunde Siegen und Kickers Offenbach die letzte Runde aus. Pokal und Urkunde haben da schon den Stellenwert netter Beigaben, denn der Sieger der Dreierrunde steigt in die zweite Liga auf. Hier gibt es endlich Geld. Tennis Borussia gewinnt. Es ist auch das Jahr, in dem Oberligist Bad Homburg nach 16 Partien aufgibt und Konkurs anmeldet.

Als die Spielvereinigung ihren größten Titel holt, wird Ralf Haub neun Jahre alt. Am 26.Juli wird er 50. Heute trainiert er die E-Jugend und die Senioren des Klubs, der in seiner Geschichte durch wirtschaftliche Pleiten, sportliches Pech und politische Entscheidungen bis 1945 acht Namen erhält. Fünf sind es danach, macht insgesamt 13 in 109 Jahren Vereinsgeschichte. Die bislang letzte Umbenennung gibt es vor zwei Jahren in das etwas sperrig klingende „Spielvereinigung 05/99 Bomber Bad Homburg“. Das passt kaum in eine Magazinzeile und schon gar nicht auf den Fuß eines der vielen Jugendpokale, die im Vereinsheim an der Sandelmühle stehen. Und wenn man noch die offizielle Ortsbezeichnung „vor der Höhe“ anfügen würde, bliebe gar kein Platz mehr auf den goldfarbenen Plättchen.
 
Mit 47 Jahren spielt Haub zuletzt für Bad Homburg, damals noch unter dem Vereinsnamen 05/99. Fast ein Drittel der Zeit trägt er das Trikot des Klubs mit den 13 Vereinsnamen: „Wenn das an Jahren mal  reicht.“ Statistik führt er nicht. Hinzu kommen Engagements bei Kickers Offenbach – „das war ein prima Vertrag“, was ihm nichts nutzt, denn den Kickers wird die Lizenz entzogen – den FSV Frankfurt, Preußen Münster, Viktoria Aschaffenburg, Eintracht Frankfurt , SG Egelsbach. Immer wieder taucht er als Aktiver und Trainer in der Chronik der Spielvereinigung Bad Homburg auf - egal, wie sie gerade wieder heißt. Hier trifft er auf Herbert Dörenberg, „den härtesten Trainer, den ich je hatte“. Dörenberg, Sportlehrer im Hauptberuf, notiert „nach jedem zweiten Training“ (Haub) das Gewicht seiner Spieler. Für den Stürmer Haub bedeutet Dörenbergs Akribie „viele Extraschichten“.

Haubs Extraschichten sind Bad Homburger Fußball-Geschichte. 1995 spielt der Verein in der Bezirksliga, drei Jahre später in der Oberliga – aber nur knapp eine halbe Saison. Dann ist er pleite, zieht zurück, meldet Konkurs an und im Mai 1999 gibt es die nächste Namensänderung in SC 99 Bad Homburg. Auch da ist Haub dabei. Heute trainiert er die Kleinen, beklagt Einflüsse, welche die Kids vom Fußball ablenken:  „Wenn ich in meiner Jugend meinem Trainer gesagt hätte, ich kann nicht trainieren, ich muss Klavier spielen, hätte der mir gesagt: Geh‘ Klavier spielen, aber lass‘ den Ball hier.“ Bomber-Jugendkoordinator Thorsten Wittkamp beschreibt es so: „Früher haben wir gesagt: Mama, Hausaufgaben erledigt, tschüss bis heute Abend.“ Dem Fußball heute fehle die Spontaneität, es laufe doch alles nur auf Verabredung. Der Straßenfußball sei tot, die Zeit der Straßenfußballer  vorbei. Auf dem Bolzplatz neben dem Stadion hofft Wittkamp ab und an einen zu finden, „der auf jedem Untergrund und mit jedem Mitspieler kicken kann, ein wenig wilder ist, mit dem man als Trainer einfühlsamer umgehen muss“. Hier können Jugendliche immer kicken, auch im Winter, wenn es früh dunkel wird. Für einen Euro brennt das Flutlicht eine halbe Stunde.
 
Bad Homburg ist eine Sportstadt, aber der Bezug der Bevölkerung zum SC 99 fehlt. Deswegen bekommt der Klub seinen nächsten Namen, den zwölften seiner Chronik insgesamt: Spielvereinigung 05/99 Bad Homburg. Das Ziel lässt sich aus dem Namen ablesen, neuer Schwung soll her und gleichzeitig die Besinnung auf alte Stärken und Tradition. Das gelingt nur bedingt. Synergien sollen helfen. In der Wirtschaft bedeuten sie oft Zusammenlegung und Verlust von Arbeitsplätzen. Kommen zwei Vereine zusammen, muss das nicht so sein, ist aber wahrscheinlich. Revolutionen im Fußball, so wie bei der Fusion von Spielvereinigung 05/99 und „Bomber“ Bad Homburg, kosten Köpfe. Thorsten Wittkamp, Jugendkoordinator des Vereins mit dem sperrigen Namen, es ist der 13. in der Vereinschronik, kalkuliert sie ein. Der frühere Trainer der U17 und U19 des FSV Frankfurt will als Basis einer stabilen Fußballvereinsarbeit eine starke Jugendarbeit. Er hat eine Vision, sieht die „Bomber 05/99“ als Kooperationspartner eines Bundesligaklubs. An Überzeugung(-skraft) mangelt es nicht.
Den früheren Börsenmakler lockt vor mehr als einem Vierteljahrhundert eine Offerte der Frankfurter Eintracht von Hertha BSC Berlin ins Rhein-Main-Gebiet.  Aber noch vor der Unterschrift unter den neuen Vertrag kommt das Angebot von Rot-Weiß Frankfurt. Dessen Sponsor Waldemar Steubing, Funktionär Gerd Trinklein und Trainer Dragoslav Stepanovic überzeugen den Berliner - auch mit einem lukrativen Vertrag. Wittkamp sagt Eintracht-Trainer Ramon Berndroth ab. Neben seinem Engagement bei Rot-Weiß handelt er weiter an der Börse und verkauft später sein Aktienpaket. Heute lebt er davon und von seiner Fußballschule. Synergien schafft er auch hier in seiner Doppelfunktion als Inhaber, Trainercoach der „Bomber“ und Jugendkoordinator. Vereinfacht beschrieben basiert sein Konzept, mit dem die Zukunft des Klubs gesichert werden soll, auf Spaß durch Erfolg, einheitlichem Auftreten, Gemeinsamkeit und jeder Menge Kümmern um die Sorgen der Jugendlichen und ihrer Eltern. Würde Wittkamp heute gehen, könnte das Konzept morgen bei einem anderen Klub greifen. Es ist wie eine Schablone. Den früheren Zustand beschreibt Wittkamp mit einem Beispiel: „Jede Mannschaft hatte ihren eigenen Sponsor, und wenn es dem gefiel, spielte das Team in Puma und grün, weil Nigeria diese Farben trug und der Sponsor Nigeria mochte.“ Alles vorbei und Vergangenheit. Heute steht bei allen Trikots vorne der Sponsor drauf, hinten Bad Homburg. „Heute zählt Gemeinsamkeit“ in einem Verein, dessen Fusion vor zwei Jahren das große Risiko des Mitgliederschwunds birgt. Die Bomber haben keine Senioren, 05/99 zu wenig Jugend, aber beide Vereine viele Funktionäre. Die Posten sind damals doppelt besetzt, heute nicht mehr. Mittlerweile trainieren etwa 250 Jugendliche im Verein, ein Minus brachte die Fusion nicht, aber Stabilität.

Die nächsten Ziele? Wittkamp sagt: „Besser ausgebildete Kinder, dann kommen auch mehr Sponsoren.“ Haub nennt als nächstes Vorhaben den Aufstieg der Senioren in die Gruppenliga, auch wenn die „Kreisoberliga wegen der Derbys attraktiv ist“. Er fordert Geduld und Ausdauer beim Warten darauf, dass die eigene Jugend stark genug wird, den Stamm der ersten Mannschaft zu bilden. Das wären gesunde Strukturen. Daran mangelt es in der 109-Jährigen Vergangenheit des Vereins immer wieder. Und noch ein Vorhaben will Wittkamp möglichst zügig umsetzen. Ein Glasrahmen samt Inhalt soll weg. Die Fotos mit teils sehr privaten Motiven einer Mallorcafahrt spiegeln das gesellige Vereinsleben der Vergangenheit wieder. Sie hängen im Kabinentrakt der Senioren, aber die Tage der Fotocollage scheinen gezählt. Die Gratulations-Urkunde zur Deutschen Meisterschaft der Fußballamateure aber bleibt hängen. Schließlich steht auch der Teil „05/99“ im sperrigen, erst zwei Jahre alten Vereinsnamen für Erfolge der Vergangenheit. Mag sein, dass die Jugend heute damit wenig anfangen kann; aber vielleicht morgen.