Sportfreunde Siegen – Zwischen Profistrukturen und Feierabendfussball

Sportfreunde Siegen – Zwischen Profistrukturen und Feierabendfussball

Von Martin Batzel

Sportfreunde-SiegenAuf den Punkt gebracht, sieht die Situation bei den Sportfreunden Siegen so aus: Millionen-Mäzen Manfred Utsch zieht sich am Saisonende zurück, Erfolgs-Trainer Michael Boris ist schon weg, nur ein Spieler besitzt einen Vertrag über den 30. Juni hinaus. Im Finanzkonzept für die kommende Saison fehlen 822.000 Euro und im März müssen die Unterlagen für die Regionalliga-Lizenz 2014/15 zum DFB - aber noch wird im Siegerland Profi-Fußball gespielt. „Wir wollen die Profibedingungen erhalten“, kündigt der Vorsitzende Ulrich Steiner an. Aber wie genau, das weiß auch er noch nicht. Bisher gibt es nur Planspiele beim Viertligisten. Die sehen vor, in die Saison 2014/15 mit sechs bis acht Profis zu starten, den Kader mit Vertragsamateuren aufzufüllen. Das Konzept scheint, wie es auf Neudeutsch heißt, alternativlos: „Nur so können wir Regionalligafußball in Siegen halten.“

Bei Fragen, wie solch ein Modell erfolgreich funktionieren könne, verweist der Vorsitzende auf den SC Verl. Dort genügen etwa 500 000 Euro für eine Existenz in der vierten Liga, Mehrkosten würden durch Kooperationen gedeckt. Allerdings fehlen hier die Ambitionen nach oben. Damit wollte sich Michael Boris nicht identifizieren, kündigte seinen Abgang zum Saisonende an, verließ Siegen nach einem Telefonat mit den Sportfreunden Lotte schon im Januar und coacht jetzt den Tabellenzweiten der Regionalliga West. Für Boris war es eine Frage der Vernunft, der kritischen Selbstanalyse und insgesamt kein schlechter Deal. Der Trainer will die sportliche Herausforderung, muss für sich durch Erfolg werben. Als ehemaliger Profi, der „nur in Ober- und Regionalliga“ gespielt habe, könne er nicht auf ein verzweigtes Netzwerk von ehemaligen Bundesliga-Mitspielern zurückgreifen, die heute an den Schaltpulten des Profifußballs sitzen. Klingt etwas kompliziert, heißt aber nur so viel wie: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. „Mir bleibt also nur die Möglichkeit, Ergebnisse zu liefern.“ Mit Feierabendfußball könne er sich nicht identifizieren. Den hatte die Siegener Vereinsführung als Zukunftsmodell ausgerufen, nachdem Mäzen Manfred Utsch das Ende seiner Gunst zum 30. Juni angekündigt hatte.

Von Feierabendfußball als Alternative mag Vorsitzender Steiner heute nicht mehr sprechen. Schließlich lässt sich damit kaum werben und das Angebot sich nur schwer an Sponsoren verkaufen. Deshalb steht das Wort heute auf dem vereinsinternen Index.
Feierabendfußball, Feierabendprofis: Bei Darmstadt 98 funktionierte die Idee in den Achtzigern. Das war zu den besten Zeiten der Lilien, als Trainer Lothar Buchmann nach dem Bundesliga-Aufstieg keine Wahl blieb. Viele Spieler sahen das Abenteuer Erstklassigkeit skeptisch, wollten ihre beruf-liche Existenz nicht riskieren. Aus dieser Situation heraus schuf Buchmann das „Darmstädter Modell“: Die Mehrzahl der Spieler waren keine Vollprofis, sondern arbeiteten tagsüber, trainierten abends und an ausgesuchten Nachmittagen. Verkürzte Arbeitszeiten wurden vom Verein finanziell ausgeglichen und Trainingslager in die Urlaubszeit verlegt. Das klappte. Darmstadt spielte in der Bundesliga, aber die Zeiten waren auch andere. Der Begriff Bezahlfernsehen war weit weg. Die Bezeichnung, die die Medien dafür fanden, wollen sie in Siegen heute nicht mehr hören. Aktuell kämpfen die Sportfreunde gegen eine Etatlücke von 822.000 Euro. Steiner rechnet mit 568 000 Euro Einnahmen, macht zusammen um die 1,39 Millionen Euro für die vierte Liga. Das sollte reichen – wenn Geld und unterschriebene Bürgschaften zusammenkommen. Ehrenpräsident Utsch wird sich daran nicht mehr beteiligen. Über Jahrzehnte finanzierte der Unternehmer den Verein fast alleine. Zum aktuellen Etat trägt er etwa die Hälfe bei. „Er übergibt uns die Sportfreunde am 30. Juni schuldenfrei. Er wird aber definitiv keine Bürgschaft für die neue Lizenz abgeben“, bestätigte Steiner und schiebt ein wenig selbstkritisch nach: „Es zeigt sich, dass ein Großsponsor nicht gut für einen Verein ist. Es muss eine breite Basis angelegt werden.“ Der Vorsitzende hofft auf einen Ansturm von Sponsoren: „Die Sportfreunde sind Werbeträger für die Region.“ Das alleine genügt kaum als Verkaufsargument, denn Werbeträger für die Region gibt es einige. Hier, wo Westfalen noch ein wenig wild ist, stehlen selbst Wisente den Berufsfußballern ein wenig die Show. Die europäische Variante des amerikanischen Bisons wurde vor knapp einem Jahr, begleitet von großem medialem Interesse, unweit von Siegen im Rothaargebirge angesiedelt. Im dünn besiedelten Landstrich des bevölkerungsreichsten Bundeslandes gibt es viel Platz für die acht seltenen Rindviecher. Was hat das mit den Sportfreunden zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht wenig. Aber was lässt sich aus Marketingsicht besser verkaufen – acht zottelige Bisons, welche in Deutschland die ersten ihrer Art sind seit einem halben Jahrtausend oder ein Viertligist, der seine sportlichen Ambitionen wegen fehlender finanzieller Potenz und trotz durchschnittlich mehr als 2000 Zuschauern bei Heimspielen vielleicht abhaken kann?