Hanno Balitsch: „Ich hätte früher auch mal den Mund halten sollen“

Von Martin Batzel

balitschWer wirklich wissenschaftlich wissen will, warum es so was gibt, der kann es bei Wilfried Ferchhoff nachlesen in seinem Werk „Jugend an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert. Lebensformen und Lebensstile“. Er gibt Antworten auf die Frage: Warum lassen sich junge Menschen auf unterschiedlichste Stellen Tattoos stechen bis hin zu Motiven, die vulgärsprachlich bekannt sind als „Arschgeweih“. Die Rebellion gegen die Eltern könnte eine Ursache sein, die Ablehnung der Konformität ein anderer. Es gibt viele Gründe. Es geht aber auch einfacher. Eben so wie bei Hanno Balitsch. Weil’s eben gefällt. „Und weil ich mit 18 Jahren etwas Besonderes haben wollte.“

Auf seiner rechten Wade steht sein Vorname in chinesischen Schriftzeichen, dabei inspirierten ihn ehemalige asiatische Mitschüler. Gerade volljährig und kurz vor dem Abitur in Bensheim setzte er den Plan um – aber nicht ohne sich vorher noch zu vergewissern, was denn wirklich für immer, ewig und noch länger auf seiner Wade stünde, wenn denn nicht doch irgendwann ein Laser angesetzt würde. Balitsch, der sich bewusst gegen seinen Nacken als zu schmückende Körperregion entschied,  ließ die Buchstaben von einem Sprachinstitut prüfen, erst dann gab es das Bild für die Ewigkeit. Sicher ist eben sicher bei Fremdsprachen, die nicht zum Fächer-Kanon eines Abiturienten gehören: „Besser so, als wenn nachher chinesisch süß-sauer draufsteht.“  Warum die Wahl auf die Wade als zu schmückende Körperregion fiel, ist leicht erklärt: So ein Tattoo muss und soll ja nicht gleich jeder sehen. Tattoos sind - wenn sie denn nicht gerade der Modeerscheinung des „Arschgeweihs“ folgen – oftmals einzigartig, einmalig, individuell. Balitsch entschied sich bewusst für die Wade und nicht für die Alternative im Nacken. Die Fußballprofikarriere war noch nicht sicher, Studium und ein Job mit seriösem Auftreten waren denkbar. Und wie sieht das denn aus oberhalb des weißen Hemdkragens? Auf der Wade sieht nicht jeder das Tattoo, hier muss der Zufall mitspielen, denn auf dem Platz müssen die Stutzen hochgezogen sein, sonst meckert der Schiedsrichter.  Die Kleiderordnung des Verbandes schreibt das alles haarklein vor. Alles muss seine Ordnung haben, konform sein, nicht jedem Fußballer gefällt das. „Als ich anfing mit dem Fußball, durften wir noch knallbunte Radlerhosen drunter tragen.“ Alles ändert sich. „Heute heißt es einmal abtasten bitte, dann erst darf man aufs Feld.“ Wenn man sich mit Balitsch unterhält, schaden Sinn für Humor und eine Prise Ironie nicht.

Im Gespräch mit ihm ist Sport fast ein Nebenprodukt. Es geht um Familie, Freundschaft, falsche Behauptungen, Schutz des Privatlebens, eigene Fehler, die Fehler der anderen, Fußball und natürlich um den FSV Frankfurt, seinen vielleicht letzten Arbeitgeber als Profi. Balitschs Vertrag läuft noch fünf Monate, seine sportliche Zukunft ist offen. Der Winter ist die Zeit für Gespräche, aber Balitsch drängt nichts. Gerade erst wählten ihn die Fans des Bornheimer Klubs zum FSV-Spieler des Jahres 2014 – nach nicht einmal einem halben Jahr im blau-schwarzen Trikot. Er ist beliebt, weil Stammspieler und Leistungsträger in der Innenverteidigung. „Ich habe bewusst für ein Jahr unterschrieben, dann entscheiden wir weiter.“ Es lohnt nicht, das Thema im Gespräch weiter zu vertiefen, das ist zu spüren. „Es liegt auf der Hand, dass ich im Fußballgeschäft bleiben werde.“ Er wolle sein Netzwerk nutzen, vielleicht dann als Jugendtrainer arbeiten, aber  nicht gleich – der Arbeitszeiten wegen. „Dann muss man zwischen 13 und 20 Uhr ran. Das ist für Familie und Freunde nicht gut.“ Darauf legt Balitsch mit der Rückkehr in die Heimat noch mehr Wert. Er hätte auch in Australien spielen können, doch mit Familie, Frau und zwei kleinen Jungs lautete der Wunsch nach dem Abschied in Nürnberg: „Heimatnah und nicht weit weg von Oma und Opa sein. Diesen Luxus hatten wir über Jahre hinweg nicht.“ 

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