Kevin Pezzoni: „Ich lasse mir von ein paar Idioten nicht meine Karriere kaputt machen“

Von Thorsten Siegmund

Über die schwerste Zeit seines Lebens spricht Kevin Pezzoni nur ungern. „Ich habe mich damals gefühlt wie der Depp der Nation“, sagt er. Ein Satz, der tief blicken lässt und zeigt, wie es vor eineinhalb Jahren noch in ihm aussah. In seiner Zeit als Spieler beim 1. FC Köln, als ihn eine kleine Gruppe sogenannter Fans aus der Domstadt regelrecht verjagte. Die Anfeindungen gipfelten in einer Karnevalsschlägerei, weiteren Gewaltandrohungen und in massivem Polizeischutz.  Irgendwann war das Maß voll. Pezzoni kapitulierte und löste seinen Vertrag auf. Mobbing und Hetzjagd waren zwei Begriffe, die in der Berichterstattung danach immer wieder fielen.

Im März 2014 sitzt Kevin Pezzoni eines mittags auf der Tribüne am Trainingsplatz des 1.FC Saarbrücken. Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht, in der Ferne sind die Flutlichtmasten des alterwürdigen Saarbrücker Ludwigsparkstadions zu erkennen. Seit zwei Monaten ist das hier Pezzonis neue Heimat. Im Saarland versucht er neu anzufangen – in der 3.Liga. Er wohnt nur ein paar Gehminuten von der Sportanlage entfernt. Man kann spüren, dass die Vorfälle damals in Köln ihn noch immer beschäftigen, wenn auch nicht mehr ganz so intensiv wie noch vor ein paar Monaten. Die Selbstzweifel sind weg, er wirkt wieder kämpferisch, wenn er sagt: „Ich lasse mir doch von so ein paar Idioten meine Karriere nicht kaputt machen.

Er versucht die Monate zwischen Januar und September 2012 als Lebenserfahrung abzulegen, das Positive zu sehen. Pezzoni will sich nicht unterkriegen lassen. Schließlich verbindet er mit Köln noch viel mehr, als nur die Hetzjagd am Ende dieser Zeit. Dort hat er immer noch viele Freunde und auch die Liebe seines Lebens kennengelernt – Freundin Justin. Beide wollen in diesem Sommer heiraten – ausgerechnet in Köln. Über Karneval waren sie gerade erst wieder da. Vielleicht soll der Lebensmittelpunkt irgendwann wieder komplett dorthin verlegt werden. „Ich hatte eine wunderschöne Zeit in der Stadt, vier tolle Jahre – bis auf das Ende“, sagt er.

Pezzoni, der in Frankfurt geboren ist, gilt schon in der Jugend bei Eintracht Frankfurt als hochtalentiert. Das bemerken auch Scouts aus der englischen Premier League. Mit 15 Jahren wechselt er auf die Insel, spielt vier Jahre lang in den verschiedenen Nachwuchsteams der Blackburn Rovers, bis Kölns damaliger Trainer Christoph Daum Anfang 2008 auf ihn aufmerksam wird und ihn ins Rheinland lockt. Danach geht alles rasend schnell. Zwei Monate später debütiert Pezzoni in der 2.Liga und schafft mit dem FC am Saisonende den Aufstieg in die Bundesliga. Er wird Stammspieler. Alles läuft perfekt. Bis zum Frühjahr 2012. Die Euphorie in der Stadt ist weg. Köln taumelt dem Abstieg entgegen.

Mitten in der Karnevalszeit werden Pezzoni und einige seiner Teamkollegen auf einer Feier von Fans abgepöbelt. Die Anhänger haben kein Verständnis dafür, dass sich ihre Vorbilder mitten im Abstiegskampf beim Karneval amüsieren. Während es seine Mitspieler noch auf eine andere Feier zieht, bleiben Pezzoni und seine Freundin. „Als meine Freundin kurz weg war, stand plötzlich einer vor mir und haute mir mit der Faust mitten ins Gesicht“, erinnert sich Pezzoni. Der Schlag sitzt, die Nase ist gebrochen. Ein Vorfall, der nicht nur körperlich weh tut. Auf dem Platz verschwindet in den folgenden Wochen die Leichtigkeit, die Souveränität. Bei jedem Fehler nimmt der Unmut gegen Pezzoni zu, die Fans haben ihren Sündenbock gefunden. Köln steigt am Saisonende nach vier Jahren aus der Bundesliga wieder ab. „In anderen Vereinen freut man sich, wenn jemand nach dem Abstieg bleibt, hier war das anders“, sagt er.
       
Im August lauern ihm fünf Männer vor seiner Haustür auf. Die schwarz vermummten Personen fordern ihn auf, raus zu kommen und heften einen Zettel an sein Auto. Darauf steht: „Pass auf, wenn es dunkel ist. Wir holen Dich!“ Inzwischen hat sich auch eine Facebook-Gruppe gegründet, in der zur Gewalt gegen Pezzoni aufgerufen wird. Beim Training am nächsten Morgen ist die Polizei mit mehreren Streifenwagen vor Ort, um Pezzoni zu schützen. Für den damals 23-Jährigen ist eine Grenze überschritten. Er entschließt sich dazu, seinen Vertrag beim 1.FC Köln aufzulösen. Trainer Holger Stanislawski hat Verständnis für den Schritt. Auf einer emotionalen Pressekonferenz sagt er. „Es sind hier Dinge vorgefallen, die Kevin das Fußballspielen in diesem Klub nicht mehr ermöglichen.

Für Pezzoni geht es aber um mehr. Er denkt in diesen Tagen ernsthaft darüber nach, ganz hinzuschmeißen, mit dem Fußball aufzuhören. Selbstzweifel gehen ihm durch den Kopf. „Ich habe mich natürlich gefragt, was ich selbst falsch gemacht habe. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Aber keiner konnte sich diesen Hass gegen meine Person erklären“, sagt er. Pezzoni braucht Abstand. Mit seiner Freundin verschwindet er für einen Monat in eine einsame Hütte in die Schweiz. Dort reden sie viel, machen sich Gedanken über die Zukunft. Schließlich gehen sie zurück nach England, doch Pezzonis Bauchgefühl sagt ihm, dass er hier nicht bleiben will. Er fasst den Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren und es noch einmal als Fußballer in der Bundesliga zu versuchen. An Angeboten mangelt es nicht – und trotzdem findet er zunächst keinen neuen Verein. „Ich habe gemerkt, dass nach den Vorfällen in Köln viele Vereine Angst hatten, mich zu verpflichten. Das ist eigentlich traurig, aber es war so“, erinnert er sich.

Ereignisse, die wieder nicht ganz spurlos an Pezzoni vorbeigehen. Denn der 25-Jährige ist ein emotionaler und sensibler Mensch. Er braucht den familiären Rückhalt, um sich voll und ganz auf Fußball konzentrieren zu können. Seine Freundin Justin ist die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben. Sie ist immer an seiner Seite, egal wo er gerade spielt. Genau wie seine Eltern, Vater Franco, ein Italiener und Mutter Elke, mit denen er täglich telefoniert. Einmal in der Woche ist er zu Besuch bei ihnen in Walldorf mitten im Rhein-Main-Gebiet. Dort, wo er groß geworden ist.

Vertrauen braucht Pezzoni auch auf dem Fußballplatz von seinem Trainer. Das spürt er erstmals wieder Ende des Jahres 2012, als sich Karsten Baumann sehr um ihn bemüht. Baumann ist zu dieser Zeit Trainer beim Zweitligisten Erzgebirge Aue. Er möchte Pezzoni unbedingt zu den Veilchen holen. Diesmal ist das Bauchgefühl gut, Pezzoni unterschreibt und kehrt in den deutschen Profifußball zurück. Wie es der Zufall so will, muss er im ersten Spiel für seinen neuen Verein ausgerechnet in Köln antreten. Aue verliert das Spiel mit 1:2, Pezzoni feiert trotzdem ein starkes Debüt, ihm gelingt der zwischenzeitliche Ausgleich - ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Ein halbes Jahr spielt er regelmäßig, bis Baumann entlassen wird.  Nach Meinungsverschiedenheiten mit Nachfolger Falko Götz verliert Pezzoni seinen Stammplatz. „In der Winterpause hat er mir dann gesagt, dass ich mir einen neuen Verein suchen kann.

Den hat er nun im Saarland gefunden. Beim 1.FC Saarbrücken schätzen sie seine Qualitäten, Pezzoni ist auf Anhieb Stammspieler geworden. Daran änderte auch ein erneuter Trainerwechsel nichts. Milan Sasic, der Pezzoni im Winter holte, wurde drei Spiele später schon wieder entlassen. Sein einstiger Assistent Fuat Kilic ist jetzt der Chef. Pezzonis Rolle hat sich nicht verändert. Kilic vertraut ihm und setzt den 25-Jährigen als Innenverteidiger ein. Der zahlt das mit Leistung zurück und gibt der zuvor anfälligen Defensive neue Stabilität. Seinen eigenen Anspruch, eine Führungsrolle zu übernehmen, untermauert er nicht nur in den Spielen, sondern auch bei der täglichen Arbeit auf dem Trainingsplatz. Pezzoni spricht viel mit seinen Teamkollegen, er gibt lautstark Anweisungen. Gemeinsam mit dem Verein hat er bis zum Sommer eine Mission. Der Abstieg in die Regionalliga soll verhindert werden. Es geht um die Existenz des Klubs. Dass er dabei plötzlich zwei Klassen tiefer spielt als noch vor zwei Jahren, stört ihn nicht. Pezzoni: „Vielleicht musste ich so auf die Fresse fallen, um das, was ich mache, mehr schätzen zu wissen. Heute weiß ich mehr den je, was für ein Geschenk es ist, Profifußballer zu sein. Egal in welcher Liga.

Einen Vertrag in Saarbrücken hat er erstmal nur bis zum Saisonende, Gedanken an die Zeit danach blendet er noch aus. Aber er sagt auch:  „Es muss doch das Ziel eines jeden Fußballers sein, Samstag um halb vier spielen zu wollen.“ Worte, die kämpferisch klingen und genauso gemeint sind. Pezzoni will dorthin zurück, wo er einmal war – in die Bundesliga. Schafft er es wirklich, könnte er stärker sein, als je zuvor. Nach allem, was er mit seinen 25 Jahren schon erlebt hat.