Jan Kirchhoff - Schöne neue Bayern-Welt

Jan Kirchhoff - Schöne neue Bayern-Welt


Von Sebastian Rieth

jan kirchhoffPep Guardiola stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals soweit es ging nach oben, ungeduldig wippte er mit den Stollenschuhen. Nichts half. Der Mann neben ihm, dieser baumlange Hüne, blieb unerreicht, er nahm noch nicht einmal Notiz davon, dass sich an seiner Seite gerade jemand um ein bisschen Aufmerksamkeit, um Augenkontakt und vielleicht auch einen kurzen Smalltalk mühte. Guardiola, der hochdekorierte Startrainer, war abgeblitzt, links liegen gelassen, kaum beachtet. Freilich gewann der medienerprobte Spanier, an den Schläfen längst ein wenig ergraut, der Situation etwas Komisches ab und blickte keck, fast lausbubenhaft, zu seinem kühlen Kompagnon auf. Die Fotografen hatten ihren Schnappschuss. An diese Szene zum Trainingsauftakt hat Jan Kirchhoff, der kantige Kerl neben Guardiola, gar keine Erinnerungen mehr. Die Zeit ist wie Flug an ihm vorbeigerauscht, die neuen Eindrücke sind nur so auf den 23-Jährigen eingeprasselt seitdem er im Sommer auszog, um beim schillernden FC Bayern München in eine ganz neue Welt einzutauchen. Eine, die viel pompöser und glamouröser ist, als alles, was er bisher vom FSV Mainz 05 kannte. Und vielleicht auch als alles, was er sich vorgestellt hatte. „Manchmal muss ich mir die Augen reiben“, erzählt Kirchhoff ehrfürchtig. Selbst jetzt, da er doch einige Monate Zeit gehabt hat, sich an die Zugehörigkeit zum elitären Kreis des Triple-Gewinners zu gewöhnen, käme ihm vieles noch unwirklich vor. „Im Grunde ist das wie im Traum: Schön und beeindruckend. Ich stehe jeden Tag vor Dingen, die für mich besonders sind.“ Es braucht nicht viele Worte, ehe der gebürtige Frankfurter ins Schwärmen gerät, von diesem fußballerischen Hochadel der sich an der Säbener Straße angesammelt hat, von Weltstars wie Franck Ribéry oder Arjen Robben, die mit nur einer Vertragsunterschrift seine Kollegen geworden sind und die ihn gar nicht spüren lassen, dass sie in ihrer Karriere schon so viel mehr erlebt haben wie er selbst. „Es gibt keine Starallüren oder Jungs, die sich für etwas Besseres halten“, sagt Kirchhoff. „Das sind alles umgängliche Typen.“ Auch deshalb habe er schnell soziale Kontakte knüpfen und sich in die Gruppe einfügen können. Kirchhoff fühlt sich wohl.

 

Und doch gibt es Fettnäpfchen, in die ein junger Spieler in diesem rot-weißen Wunderland wohl erst treten muss, um wirklich anzukommen. Gleich bei seiner Vorstellung hatte der robuste Innenverteidiger nicht auf die Kleiderordnung geachtet und ein Shirt getragen, das nicht den Ausrüster der Großkopferten aus München, sondern den privaten Sponsor zeigte. In einem Weltklub wie dem FC Bayern ist das ein No-Go. Mittlerweile ist sich Kirchhoff dessen bewusst, die kleine Geldstrafe hat er bezahlt, und gelernt, „dass jede einzelne Geste begutachtet, bewertet und hinterfragt wird“. Einfach sei das nicht, aber man gewöhne sich daran. „Dieser Verein hat eine große Maschinerie, er ist ein großes Marketingobjekt mit Regeln, an die man sich halten muss. Das pendelt sich schnell ein.“ Alles sei „generell eine Nummer größer“ als das, was man andernorts in Deutschland erlebt. Er ist nicht umsonst beim Branchenführer gelandet, der Mann mit rotbraunem Scheitel und Dreitagebart, der die Scheu der ersten Tage längst abgelegt hat. Kirchhoff vertritt seine Meinung, klar und offen, so wie er es beim FSV Mainz 05 auch immer schon tat. Aber er nimmt es sich auch heraus, nicht allen Interviewwünschen nachzukommen. Manchmal sei es besser nichts zu sagen, findet das Abwehrtalent, das 2009 mit den Nullfünfern Deutscher A-Jugendmeister wurde. Gerade bei einem Klub wie den Bayern, um den die Art und Weise der Berichterstattung schon fast grenzwertig geworden sei. Aus Kleinigkeiten würden dort schnell Riesennachrichten gemacht, sagte Kirchhoff kürzlich. Auch daran muss er sich erst gewöhnen und er ist eigentlich ganz froh, „dass es Jungs gibt, in deren Windschatten ich mich ein bisschen bewegen kann und ich nicht unbedingt der erste Ansprechpartner bin.“


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