Harald Strutz: „Ich bin kein Alleinunterhalter“

Von Wolfgang Hettfleisch

heidelGlaubt man Sigmund Freud, so ist das Glück „die Erfüllung von Kinderwünschen“. Der Begründer der Psychoanalyse wurde sechsmal Vater, doch das meinte er nicht. Freud war überzeugt, ein glückliches Erwachsenendasein sei dem beschieden, der sich seine Kindheitsträume erfüllt. Der Einfachheit halber kann man sich einen glücklichen Menschen vorstellen wie Harald Strutz. „Wer sich im hohen Alter eine fröhliche Kindlichkeit bewahrt, der hat es geschafft – so lautet, in Abwandlung von Freud, ein Lebensmotto von mir“, sagt der Präsident des FSV Mainz 05. Dann angelt der 64-Jährige einen Keks aus der kleinen Schüssel, die eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle auf den Tisch in seinem Büro gestellt hat, knabbert am Gebäck und mustert sein Gegenüber mit unverhohlenem Vergnügen.

Nun mag Harald Strutz vieles sein, ein glühender Freudianer ist er sicher nicht. Es handelt sich wohl eher um die dezente Aufforderung, der Gesprächs-partner möge seiner vorgefertigten Meinung misstrauen und sich lieber ein eigenes Bild machen. Über ein Image zu verfügen, ist für Verantwortliche eines Fußball-Bundesligisten Teil des Geschäfts. Als Karl-Heinz Rummenigge einst ätzte, am Standort Mainz seien ein Dreispringer (Ex-Junioren-Weltrekordler Strutz) und ein Autoverkäufer (Manager Christian Heidel) am Werk, sollte das Geringschätzung ausdrücken. Der 05er-Präsident ist deshalb nicht böse. Er hat lange mit dem Vorstandschef des FC Bayern im Ligavorstand gearbeitet. Man kennt und schätzt sich. Und Seitenhiebe von den Münchner Allmächtigen muss man sich verdienen. Und es brauchte viel Glück und noch mehr Geschick, um überhaupt in deren Fokus zu geraten. Niemand weiß das besser als der dienstälteste Präsident der Bundesliga.

„Ein reines Zufallsprodukt“ nennt Strutz seine Wahl an die Vereinsspitze. Das war im September 1988, Deutschland gab’s noch zweimal, und der FSV Mainz 05 hatte sich – nach mehr als einem Jahrzehnt fußballerischer Bedeutungslosigkeit – soeben in der zweiten Liga zurückgemeldet. In einer turbulenten Jahreshauptversammlung wurde der damals 37-Jährige Anwalt, der gerade seine eigene Kanzlei eröffnet hatte und erstmals Vater geworden war, unerwartet zum Kandidaten befördert. „Plötzlich rief einer: Ja, Strutz. Ich war selbst überrascht“, erinnert er sich. Er erklärte sich bereit und gewann.

Ein mittlerer Erdrutsch sei das gewesen, sagt Harald Strutz. „Ich, ein ehemaliger Leichtathlet, 37 Jahre alt. Das einzige, das mich mit dem Verein verband, war der Name Strutz – durch die Präsidentschaft meines Vaters in den 50er Jahren, durch meinen Halbbruder Wolfgang, der im Beirat war, und meinen Bruder Walter, der in der A-Jugend und später bei den Amateuren gespielt hat.“ Worauf er sich eingelassen hatte, dämmerte ihm erst später. Sehr hohe Altschulden und ein Stadion in desolatem Zustand engten den Handlungsspielraum ein. „Das war ,Bruchweg‘ im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Strutz. Am Ende seiner ersten Saison als Präsident ging es zurück in die Drittklassigkeit. Auch nach dem sofortigen Wiederaufstieg blieb die Finanzlage prekär. 1991 verweigerte der DFB die Zweitliga-Lizenz. Die Mainzer legten Protest ein – und erhielten die Spielerlaubnis doch noch.

»» Den kompletten Artikel finden Sie in unserer Aktuellen Ausgabe des Anstoss