Michael Feichtenbeiner: „Ich bin lieber ein Entscheider als ein Handlanger“

von Andreas Hunzinger

Der Mann macht einen aufgeräumten Eindruck. Michael Feichtenbeiner sitzt in einem Sessel in seinem Büro im ersten Stock des Trainingszentrums auf dem Halberg in Wehen. Und er sagt: „Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich hier vorgefunden habe, wie ich in diesem Umfeld arbeiten kann. Wir haben eine Entwicklung genommen, mit der ich sehr einverstanden bin.“

Seit dem 1. Januar 2013 ist der bald 54-Jährige Sportdirektor beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden, und Feichtenbeiner betont, dass ihm der Job enorme Freude bereitet. Mehrfach an diesem Nachmittag fällt das Wort vom „Privileg“. Feichtenbeiner begreift es als nicht selbstverständlich, dass er vor eineinhalb Jahren die Möglichkeit erhalten hat, diese Tätigkeit zu übernehmen. Dabei hat ihn ein Wechsel von der Trainerbank in eine strategisch arbeitende Position immer schon gereizt. Aber auch, weil es in Wehen so anders läuft als bei anderen Klubs. Der Tabellenvierte der abgelaufenen Drittliga-Saison ist bereits die zweite Station für Feichtenbeiner als Sportdirektor. Somit kennt er die Unterschiede zwischen fruchtbarem Wirken und einem unter erschwerten Bedingungen. Im Sommer 2009 war er schon mal zum Sportchef bestellt worden -  beim damaligen Bundesliga-Absteiger Energie Cottbus. Nach reiflicher Überlegung hatte er den Schritt vom Trainer zum Manager gewagt. Doch die Ernüchterung folgte schnell. „In Cottbus war der Sportdirektor eher der Geschäftsstellen-Leiter“, sagt Feichtenbeiner im Rückblick. In Ulrich Lepsch gab es „einen sehr dominanten Präsidenten“, in Claus-Dieter „Pele“ Wollitz auch noch einen nicht minder machtbewussten Trainer. Für Feichtenbeiner eine wenig erbauliche Konstellation. Hinzu kam der Abstieg aus der höchsten deutschen Spielklasse in den Relegationsspielen gegen den 1. FC Nürnberg (0:3/0:2). Das sorgte für zusätzlichen innerbetrieblichen Zündstoff. Nach einem Jahr war die Episode beendet – mit Feichtenbeiners Beurlaubung.

Im Nachhinein wirkte sich das für den gebürtigen Schwaben als Glücksfall aus. Feichtenbeiner, der bereits in der Saison 2005/2006 in dem malaysischen Erstligaklub Selangor MPPJ einen Fußball-Exoten trainiert hatte, verschlug es im Dezember 2010 nach Indonesien – zum Medang Bintang FC. Wie schon in Malaysia eine aufregende, vor allem aber sehr lehrreiche Station für den gebürtigen Stuttgarter. Für jemanden, der den deutschen Organisations-Standard im Fußball gewohnt ist, bedeutete das Arbeiten im südostasiatischen Inselstaat eine große Umstellung – und damit eine mindestens so erhebliche Herausforderung. Feichtenbeiner hat das knapp eine Jahr genossen. Atmosphärisch sowieso. „Als ich kam, war der Klub abstiegsgefährdet und wir haben den Klassenerhalt noch geschafft“, berichtet er. An die Begeisterung der Fans, „zwischen 20 000 und 30 000 pro Spiel“, erinnert er sich gerne. An die Unterschiede in puncto Organisation musste er sich dagegen gewöhnen. Genau so an die Entfernungen. „Zu einem Auswärtsspiel mussten wir teilweise 8000 Kilometer fliegen“, erzählt Feichtenbeiner. Angesichts der Gepflogenheiten in Indonesien geriet er schon mal ins Staunen. „Der Busfahrer hat sich öfter verfahren oder hat auf der Fahrt zum Flughafen einfach noch mal seinen Cousin besucht“, berichtet Feichtenbeiner . Mit einem Schmunzeln erinnert er sich daran, wie er dem Busfahrer versucht hat, beizubringen, zur Abfahrt der Mannschaft doch mit einem vollgetankten Bus zu erscheinen. „Der kam immer mit einem nicht getankten Bus, dann haben wir noch 25 Minuten an der Tanke gestanden. Und dann musste er noch eine rauchen, ehe es los ging.“ So sehr sich Feichtenbeiner anfangs darüber gewundert hat, so sehr hat ihn die Zeit geprägt – und verändert. „Ich bin gelassener geworden“, sagt er. „Wir Deutschen wollen immer alles durchtakten. Man bekommt einen neuen Blickwinkel.“  Und man sammelt wertvolle Erfahrungen. Feichtenbeiner lernte, „wie es einem als Ausländer geht“. Oder dass es von enormer Bedeutung ist, es zumindest zu versuchen, die Landessprache Bahasa zu lernen und gegenüber seinen Spielern auch anzuwenden. „Damit zeigst du, dass du zu den Leuten kommst“, sagt er. Andere Dinge wiederum hat er auch schon mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Etwa, dass er – obwohl mit Medang Bitang in seiner zweiten Saison Tabellenführer  -  keine Zeile in der Zeitung stand, bis er begriff, „dass man einen Journalisten bezahlen muss“. Quasi als eine Art eigenen Pressereferenten. Feichtenbeiner hat das alles aufgenommen, auch die Zufriedenheit der Leute, „die nach unseren Standards schlichtweg bitter arm sind – aber trotzdem happy.“ Bewusster zu leben, das hat ihn die Zeit in Südostasien gelehrt.

Auch deshalb ist der beim SV Wehen Wiesbaden so zufrieden.  Nach insgesamt elf Trainerstation, darunter auch ein Jahr beim SV Darmstadt 98, hat er der Kurzlebigkeit dieses Jobs und dem Dauerstress abgeschworen. Nicht, dass er den Beruf verachten würde. „Ich war sehr gerne Trainer und wäre es unter Umständen auch heute noch“, sagt Feichtenbeiner. Aber er sagt auch: „Wenn, …“ Wenn er es etwa in seiner Laufbahn als Fußball-Lehrer in die Bundesliga geschafft hätte. „Oder wenn ich seit 20 Jahren Zweitliga-Trainer wäre.“ Da er aber – mit Ausnahme der Saison 1999/2000 bei den Stuttgarter Kickers in der zweiten Liga – stets in der dritten Liga zu Hause war, fiel es ihm nicht schwer, die Seiten zu wechseln. „Mit über 50 in meinem Traumjob Fußball noch mal die Chance auf ein neues Arbeitsfeld zu bekommen, war sehr spannend“, sagt Feichtenbeiner. Ein Privileg eben.

Ganz und gar, weil er es beim SV Wehen Wiesbaden gut getroffen hat. „Der Verein ist solide aufgestellt“, erklärt er. Infrastruktur und Organigramm sagen ihm zu. Vor allem die kurzen Dienstwege. Feichtenbeiner ist komplett für den Sport zuständig, nur das Präsidium um den Vorsitzenden Markus Hankammer und Geschäftsführer Georg Kleinekathöfer sind ihm überstellt. Die meisten Dinge, ob Transfers, Trainingslager oder ähnliches, regelt der Wehener Sportdirektor direkt mit dem Präsidenten und dem Geschäftsführer. Nur größere Investitionen segnet das gesamte Präsidium zusammen ab. „Ich habe es maximal mit fünf Leuten zu tun.“

Feichtenbeiner mag diese Konstellation. Sie lässt ihm das Maß an Freiheit, das er für den Job als angemessen und fruchtbar erachtet. Der Wehener Sportdirektor ist ein Mann, der gerne gestaltet, der strategisch denkt und Dinge langfristig plant. „Ich habe schon immer Entscheidungen getroffen“, sagt er. „Ich bin lieber ein Entscheider als ein Handlanger.“ Beim SV Wehen Wiesbaden gibt es viel zu entscheiden. Der Klub, der zwischen 2007 und 2009 zwei Jahre in der zweiten Liga spielte, will wieder dahin zurück. Aber nicht mit Gewalt. Feichtenbeiner nennt es „unseren Weg“. Wehen Wiesbaden will „mit jungen und hungrigen Spielern“ kontinuierlich besser werden und irgendwann auch wieder Zweitligist sein. „Nach zwei Jahren in der zweiten Liga haben wir nicht solche Wurzeln geschlagen, dass wir zwingend die Anspruch haben müssen, dort zu spielen“, sagt er. Feichtenbeiner stimmt auch nicht in das Klagelied vieler Funktionärs-Kollegen ein, die dritte Liga sei eine Todgeburt, weil nicht finanzierbar. „Sie ist ein superspannendes Produkt“, stellt er klar. Gleichwohl räumt Feichtenbeiner ein, dass es bei Wehen Wiesbaden noch manches zu tun gibt. Die Nachwuchsarbeit will er optimieren. Etwa dafür sorgen, dass die U 19 in die A-Jugend-Bundesliga aufsteigt, um im Ringen mit der Konkurrenz wie Mainz 05 oder Eintracht Frankfurt nicht zu sehr ins Hintertreffen zu geraten. Auch die Akzeptanz des SV Wehen Wiesbaden in der hessischen Landeshauptstadt ist noch ausbaufähig. „Wiesbaden verträgt Profifußball“, sagt er und gibt trotzdem im gleichen Atemzug zu bedenken: „Wir sind erst seit sechs Jahren in der Stadt ansässig. Wir verfügen nicht über eine Generation an Fankultur.“ Trotzdem glaubt Feichtenbeinber fest daran, künftig noch mehr Leute in die Brita-Arena locken zu können. „In einer Stadt von 300 000 Einwohnern muss es doch gehen, einen Schnitt von 6000 bis 7000 Zuschauern zu erzielen“, sagt er mit Nachdruck.

Dennoch stellt ihn  seine bisherige Bilanz beim SV Wehen Wiesbaden zufrieden. Im Vorjahr Platz sieben mit 51 Punkten, jetzt Platz vier mit 56 Punkten – verbunden mit dem Einzug in den DFB-Pokal. „Dazu haben wir die Mannschaft verjüngt“, sagt Feichtenbeiner. „Wir gehören zu den Top 40 in Deutschland. Es gibt zig Traditionsklubs, die hinter uns stehen.“ Dass er bisweilen an Grenzen stößt, „dass manche Idee nicht umsetzbar ist, weil wir das Geld nicht haben“, stört ihn nicht. „Man muss kreativ bleiben.“ Natürlich wünschte er sich manchmal auch einen unerschöpflichen Etat. „Aber viel Geld zu haben, kann auch bequem machen.“  Michael Feichtenbeiner ist nicht bequem geworden. Der Pendler, der einmal pro Woche zu seiner Familie nach Stuttgart fährt, arbeitet gerne viel. Er ist mit sich und seinem Job im Reinen. Und überzeugt, dass er den SV Wehen Wiesbaden ans Ziel bringen wird. Deswegen wirkt der „Priviligierte“ im grauen Sessel auch so aufgeräumt.