Dirk Schuster: Ein Glücksfall für Darmstadt 98

Von Sebastian Rieth


Dirk Schuster saß in Thailand am Strand. Es war nicht mehr so heiß, wie noch am Mittag. Längst hatte die Sonne beschlossen, ihr Tagwerk zu quittieren und alsbald hinter dem Horizont zu verschwinden. Die Wellen plätscherten leise. Ein Paradies auf Erden. Eigentlich, so möchte man vermuten, würde ein Mobiltelefon inmitten dieser Idylle nur stören, es wäre lästig und völlig unangebracht, wenn man für ein paar Tage mal die Seele baumeln lassen will. In diesem Fall galt das nicht. „Wir bleiben drin.“ Mehr Worte brauchte die Kurzmitteilung nicht, die auf dem Display von Dirk Schuster erschien und seine berufliche Zukunft mit einem Schlag veränderte. Der SV Darmstadt 98 war doch noch in der dritten Liga geblieben, über den grünen Tisch und auf den letzten Drücker. Die Offenbacher Kickers hatten die Lizenz nicht erhalten, die Lilien rückten nach. Schuster öffnete sich in Thailand ein Bier.

Die Trainerkarriere des 46-Jährigen wäre ohne diesen Vorfall im vergangenen Sommer wohl völlig anders verlaufen, Schuster hätte sich mit seinem Klub in den Niederungen der Regionalliga gemüht, er hätte sich aufgerieben auf den Dorfsportplätzen in Pfullendorf, Homburg oder Zweibrücken. Große Lorbeeren gibt’s dort nicht zu ernten. Wohl aber in der Dritten Liga. Schuster packte die glückliche Fügung des Sommers beherzt beim Schopfe, er fackelte nicht lange, sondern verfolgte behaarlich den Bauplan, den er sich in Thailand zurecht gelegt hatte. Binnen kürzester Zeit bastelte der gebürtige Chemnitzer aus dem eigentlichen Absteiger der Vorsaison eine Mannschaft, die urplötzlich hartnäckig am Tor zur zweiten Liga klopft. Eine Metamorphose, die so niemand für möglich gehalten hätte. Selbst Schuster nicht.

Natürlich hat der kometenhafte Aufstieg des SV Darmstadt 98 auch den Marktwert des Trainers in bis dato ungeahnte Höhen schnellen lassen. Mit einem Mal ist Dirk Schuster, der einst so kantige und verbissene Verteidiger der Bundesliga, wieder in aller Munde. Wer in 17 Pflichtspielen unbesiegt bleibt und damit im deutschen Profifußball sogar beständiger als der große FC Bayern München ist, der hat sich das verdient. Noch, sagt Schuster, habe kein anderer Klub bei ihm vorgefühlt. Aber das scheint nur eine Frage der Zeit. Ausschließen mag der Coach einen Wechsel nicht. „Ich könnte mir vorstellen, überall zu funktionieren“, sagt er. Was allerdings nicht heißen soll, dass er seinen Vertrag in Darmstadt bis 2016 nicht erfüllen wolle. Schließlich wurde das Arbeitspapier erst im Januar verlängert. Bei den Lilien sieht man solche Dinge allerdings eher pragmatisch, mit Kosta Runjaic hat man schon einmal einen Trainer ziehen lassen. Damals sogar während der laufenden Saison. Sollte ein attraktives Angebot eines anderen Klubs kommen, „werden wir solange wie möglich um Dirk Schuster kämpfen“, sagt Präsident Rüdiger Fritsch. Allerdings käme es auf Überzeugungsarbeit und nicht auf puren Zwang an. „Wie sagt man so schön: Reisende soll man nicht aufhalten – und man kann sie auch nicht aufhalten. Die Konsequenzen wären fatal.“

Und doch deutet derzeit wenig darauf hin, dass die Lilien ihren Erfolgscoach, der im kleinen Kosmos am Böllenfalltor gleichzeitig auch Manageraufgaben übernommen hat, frühzeitig verlieren würden. Im Gegenteil. Beide Seiten wissen, was sie aneinander haben. Schuster passt perfekt an diesen Traditionsstandort, wo der Fußball noch rein und puritanisch ist, wo es nicht um Schnickschnack und große Polemik, sondern um Akribie und Ehrlichkeit geht. Schuster ist kein Träumer und Darmstadt kein Himmelreich dafür. Fritsch spricht von einem „doppelseitigen Glücksfall“ nachdem er den ehemaligen Nationalspieler vor anderthalb Jahren in einer misslichen Lage auf dem letzten Tabellenplatz der Dritten Liga eingestellt hatte.

Wahrscheinlich ist Schuster auch deshalb so erfolgreich, weil er die Gegebenheiten schnell adaptiert hat, nicht moserte oder meckerte, sondern sich anpasste und anpackte. So, wie er es schon als Spieler tat. Als einer der ersten wechselte der beinharte Verteidiger damals aus der ehemaligen DDR in den Westen der Republik. Erst nach Braunschweig, später spielte er in Karlsruhe und Köln. Schuster musste sich umstellen: „Vom Teamgedanken, wie ich ihn aus der DDR kannte, war nicht viel übrig geblieben. Ich merkte: Jeder ist sich selbst am nächsten.“ Aber der Perfektionist aus Karl-Marx-Stadt hielt sich damit nicht lange auf. „Klischees habe ich schlicht beiseite geschoben, sie hätten mich nur gebremst.“ Ohnehin glaubt Schuster nicht, dass in der heutigen Gesellschaft noch Ressentiments oder ein Ost-West-Denken vorherrsche: „Wir sind alle Deutsche“, sagt er.

Neben der Anpassungsfähigkeit und dem geschulten Auge für die richtigen Verstärkungen sind es die sozialen Faktoren, die bei der Analyse seines Erfolges herausstechen. Schuster pflegt bei seiner zweiten Trainerstation eine lange Leine, die Spieler dürfen nach dem Training auch mal ein Bier trinken oder eine Zigarette rauchen. Bei Schuster zählt das Leistungsprinzip: Entscheidend ist auf dem Platz. „Das Leben ist auch irgendwo Genuss, und wenn ein Spieler das Bedürfnis hat, sich einen Burger reindrücken zu müssen, dann: Bitte.“ Allerdings gebe es auch Grenzen. „Den Jungs ist klar, dass sie von einer langen Leine profitieren, sie wissen aber auch, dass es mal knallen kann, wenn Dinge ausgenutzt werden oder Unehrlichkeit vorherrscht.“ Schuster füllt diese Sätze auch mit Leben, so gibt es bei den Lilien einen Joker, den jeder im Team einmal pro Saison ziehen und dann bei einer Trainingseinheit entschuldigt fehlen kann. Der Coach selbst nutzte das zum Heimaturlaub in Chemnitz.

Es gibt auch so einige Marotten, die der Familienvater mit sich führt. Bei Auswärtsspielen joggt er mit seinem Assistenten Sascha Franz immer zum nächstgelegenen Flughafen und bringt von dort ein Beweisfoto mit. Der Aberglaube soll Berge versetzten. Nur in Erfurt hat sich als kein so gutes Pflaster erwiesen. Vergangene Runde ging den beiden auf der langen Strecke die Puste aus und ein Bus musste sie abholen, in dieser Saison zog sich Schuster einen Muskelfaserriss zu.

Zu dem Markenzeichen des in Karlsruhe-Durlach beheimateten Sachsen gehört aber auch, nie die Bodenhaftung zu verlieren. Als die Lilien bereits beharrlich vorne mitmischten, weigerte sich Schuster partout von neuen Zielen zu sprechen. Das war lange ehrlich, hatte irgendwo aber auch System. Er geht pragmatisch mit den Dingen um. „Wenn die Punkte ausbleiben und es anfängt, wackelig zu werden, sind auf einmal sehr viele vertraute Trainergesichter auf der Tribüne.“ Da muss man sich nichts vormachen. Ebenso wenig, dass sich das Geschäft im Vergleich zu seiner aktiven Zeit ziemlich gewandelt habe. „Es wird natürlich mehr Geld hineingepumpt – aber das sagt eigentlich jede Generation“, so Schuster. Was sich grundlegend verändert habe, sie die mediale Beachtung. „Der Charakter der Spieler ist ein anderer geworden, weil sie auf Schritt und Tritt beobachtet werden. Mit der neumodischen Technik weiß jeder sofort, wenn sich einer mal einen Fehltritt geleistet hat. Das ist ein gefährliches Spiel.“ Von Facebook oder dergleichen hält Schuster nichts. Die Ruhe in Thailand am Strand ist ihm lieber. Auch wenn mal kurz das Handy klingelt.