Rüdiger Fritsch: Ich werde nie eigenes Geld bei Darmstadt 98 investieren

Chefsache – Rüdiger Fritsch


Von Sebastian Rieth

Rüdiger Fritsch Es lag eine bedrückende Stille in diesem schmalen Gang, an dessen Ende sich gerade ein Betreuer in kurzen blauen Hosen und einem durchnässten weißen Shirt mühte, zwei Kisten Bier auf einmal durch den Eingang zur Spielerkabine zu schleppen. Immer wieder scheuert das Plastik an der ohnehin schon verkratzten und an einigen Stellen vom Putz befreiten Wand. Das Glas der Flaschen klirrte. Es war, neben dem leisen, monotonen Prasseln, das vermutlich aus der Dusche drang, das einzige, wirklich wahrnehmbare Geräusch in diesen Minuten, die einem wie Stunden vorkamen. Es roch nach Schweiß und Gras. Die Fetzen des Rasens lagen auf den abgenutzten Fliesen. Es war ein bitterer Tag im Mai, einer, der den Abstieg des SV Darmstadt 98 aus der dritten Liga scheinbar besiegelte und der das marode, aber doch charmante Stadion am Böllenfalltor in einen Schleier der Trauer hüllte. Es war aber auch ein Tag, an dem erstmals ein Mann für ein breites Publikum der Öffentlichkeit in Erscheinung trat, der sich seine erste Amtsperiode doch um einiges ruhiger vorgestellt hatte: Rüdiger Fritsch, der Präsident. Mit beschlagener Brille stand er vor einer Handvoll Pressevertreter und erzählte vom „Preis der Seriosität“ und „faulen Eiern“, die der Deutsche Fußball-Bund doch endlich aussortieren solle. Beides wurde oft zitiert und viel beachtet. Unbeabsichtigt hatte sich der promovierte Wirtschaftsjurist in Windeseile zu einem Anwalt der soliden Arbeiter des Fußballs aufgeschwungen. Nicht mit hochtrabenden Worten, sondern charismatisch, eloquent, aber doch bestimmend.

Gerade einmal acht Monate war der im September 2012 zum Lilien-Oberhaupt gekürte passionierte Tennisspieler da im Amt. Nicht nur ihm kam es um einiges länger vor. Viel war passiert: Zwei Trainerwechsel, Abstiegskampf, fliegende Bierbecher, aufgebrachte Zuschauer, in den Hinterzimmern der Kommunalpolitik musste für das neue Stadion geworben und Sponsoren bei der Stange gehalten werden. Wenig später hatte Fritsch in der Hoffnung auf eine sportliche Rettung am grünen Tisch auch von illegalen Beihilfen und der Europäischen Kommission geredet. In seiner Anfangszeit gab es für den neuen Chef gleich die volle Palette. Das Erstaunliche: Er löste die Aufgaben – mit einer Ausnahme – souverän. Nur die Verpflichtung von Trainer Jürgen Seeberger saß nicht, der erste Schuss, wie Fritsch sagt, sei danebengegangen und er beim zweiten „schon ziemlich“ unter Druck gewesen. Dafür traf dieser aber umso besser. Dirk Schuster ist für die Lilien ein Glücksfall. Und auch die Sache mit dem Abstieg wurde vom Nachbarn aus Offenbach gerade gezogen. Lizenzentzug wegen Misswirtschaft. Die Lilien blieben drin.